Handbuch Kunstrestitution weltweit
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__________________________________________________

Presseerklärung

zur Rückgabe des Gemäldes von Ernst Ludwig Kirchner

Berliner Straßenszene“

1.

Die Historikerin Dr. Monika Tatzkow und der auf Kunstrestitution spezialisierte Berliner Rechtsanwalt Gunnar Schnabel, bekannt durch das von ihnen verfaßte Handbuch „Nazi Looted Art – Kunstrestitutionen weltweit“, wurden seitens der Erbin von Hans Hess mit der Erstellung eines historisch-juristischen Gutachtens beauftragt. Anlaß dafür waren die zahlreichen Publikationen in der Vergangenheit, die entweder die historischen Fakten unvollständig und aus dem Zusammenhang gerissen oder aber gänzlich falsch darstellten und zum Teil beim Verfasser auch die Kenntnis der historischen Gegebenheiten während der Zeit des Nationalsozialismus vermissen ließen. Anliegen der Gutachter Dr. Tatzkow und Rechtsanwalt Schnabel war es, den historischen Sachverhalt nochmals auf der Grundlage von belegbaren Fakten zu rekonstruieren und somit ausschließlich auf der Basis von bewiesenen Tatsachen die Faktenlage und die Chronologie zur Rückgabe des Gemäldes der Öffentlichkeit zu erläutern. Das Gutachten soll somit die Möglichkeit eröffnen, zwischen den in der Vergangenheit durch „Experten“ aufgestellten unbewiesenen Behauptungen und den durch zeitgenössische Dokumente nachgewiesenen Tatsachen zu unterscheiden.

Am 25. Mai 2007 haben Frau Dr. Tatzkow und Herr Rechtsanwalt Schnabel ihre gutachterlichen Ergebnisse den Mitgliedern des Sonderausschusses des Berliner Abgeordnetenhauses zur Kenntnis gegeben.

Das Gutachten ist für alle Interessierten ab dem 25. Mai 2007, 14.00 Uhr, unter www.nazi-looted-art.de/kirchner-restitution einsehbar.

Die Kernaussagen sind:

a) Hans Hess, Erbe seines Vaters Alfred Hess, besaß vor seiner Flucht aus Deutschland 1933 neben der bedeutenden Kunstsammlung von ca. 4000 Werken auch Grundvermögen und Aktien und verfügte über ein überdurchschnittlich gutes Einkommen beim Ullstein Verlag in Berlin. Die Hess Schuhfabriken waren – nach wirtschaftlichen Schwierigkeiten (ab Ende 1930 bis Sommer 1933) entschuldet und erwirtschafteten bereits fortlaufend ab 1933 wieder Gewinne.

b) Tekla Hess war nach den gesetzlichen Bestimmungen des Deutschen Reiches und der Schweiz gezwungen, die seit 1933 als Leihgaben für Ausstellungszwecke vorübergehend übersandten Kunstwerke in das Deutsche Reich zurückzubringen. Andernfalls drohte die Verhaftung und strafrechtliche Verurteilung. So ist es anderen jüdischen Kunstsammlern bei dem Versuch der Rettung ihrer Sammlung geschehen.

c) Der NS-verfolgungsbedingte Verlust des Gemäldes „Berliner Straßenszene“ konnte nicht widerlegt werden:

aa) Es konnte bisher kein einziges Dokument, das die Höhe des behaupteten Kaufpreises (3.000 RM) dokumentiert und kein einziges Dokument oder Indiz ermittelt werden, das eine vollständige Auszahlung des Kaufpreises an Thekla Hess belegt.

bb) Zeitgenössische Dokumente zu vergleichbaren Kirchner-Gemälden belegen Verkaufs- und Versicherungswerte zwischen 6.000 und 15.000 RM.

cc) Die durch Dokumente festgestellten wirtschaftlichen und persönlichen Verhältnisse von Hans und Tekla Hess beweisen, daß der Verkauf der „Berliner Straßenszene“ zur Jahreswende 1936/37 in Nazi-Deutschland ohne die NS-Herrschaft wirtschaftlich nicht notwendig gewesen und zu diesem Zeitpunkt, an diesem Ort, zu dem behaupteten Kaufpreis nicht erfolgt wäre.

d) Hans Hess hat in keiner Erklärung jemals auf Rückgabeansprüche von Kunstwerken, insbesondere der „Berliner Straßenszene“ verzichtet.

2.

Es gibt eine rechtmäßige Entscheidung des Landes Berlin, die die Rückgabe des Gemäldes beinhaltet. Diese Entscheidung beruht auf den in der Gemeinsamen Erklärung vom Dezember 1999 und der hierzu ergangenen Handreichung niedergelegten Grundsätzen. Es ist eine Entscheidung zugunsten der Erbin einer aufgrund rassischer Verfolgung aus Deutschland vertriebenen jüdischen Familie. Die Erbin rechnet es dem Land Berlin, speziell der Senatsverwaltung für Wissenschaft, Forschung und Kultur, hoch an, daß sie sich strikt an die in der Handreichung niedergelegten Grundsätze zur Restitution gehalten und diese in die Tat umgesetzt hat. Diese Grundsätze sind Bestandteil des alliierten Rückerstattungsrechts, welches Grundlage für hunderttausend von Rückerstattungs- und Entschädigungsverfahren nach 1945 in den alten Bundesländern und nach 1990 in den neuen Bundesländern war. Es geht um Wiedergutmachung; auch wenn eine Restitutionsentscheidung, wie die in den vergangenen Monaten erhobenen Proteststürme zeigten, in Deutschland (wieder) Mut erfordert. Die von einigen Personen bzw. Personenkreisen geführte Pressekampagne mit vorsätzlich falschen Angaben und Umdeutungen bis hin zu einer Leugnung der Verfolgung der Familie Hess durch das nationalsozialistische System, insbesondere aber die Strafanzeigen gegen die Entscheidungsträger stehen dem Geist der Washingtoner Konferenz, der Gemeinsamen Erklärung und der damit bezweckten Wiedergutmachung für das geschehene Unrecht diametral entgegen

In dieser Diskussion über die Rückgabe des Gemäldes „Berliner Straßenszene“ darf nicht vergessen werden, daß die Bundesrepublik Deutschland zuletzt in der völkerrechtlichen Vereinbarung des 4 + 2-Vertrags von 1990 die völkerrechtliche Verpflichtung übernommen hatte, NS-verfolgungsbedingte Vermögensverluste zu regeln. Dieser Verantwortung hatte sich die Bundesrepublik Deutschland beginnend mit den Wiedergutmachungs- und Entschädigungsverfahren auf dem Gebiet der alten Bundesländer und seit 1990 auch auf dem Gebiet der neuen Bundesländer gestellt. Auf der Washingtoner Konferenz bekannten sich Deutschland und 43 andere Staaten in den dort gefaßten elf Prinzipien zur Verpflichtung, NS-verfolgungsbedingte Kulturgutverluste wiedergutzumachen. Diese Verpflichtung ist in der Gemeinsamen Erklärung vom Dezember 1999 und der dazu ergangenen Handreichung vom Februar 2001 konkretisiert und die Selbstverpflichtung von Bund, Ländern und Gemeinden bekräftigt worden. Die Bundesrepublik hat sowohl auf dem Gebiet der historischen als auch der juristischen Aufarbeitung der Verbrechen des Nationalsozialismus eine große Leistung vollbracht. Diese Leistung und weltweite Anerkennung der deutschen

Wiedergutmachung droht durch die sachlich falsche, polemisch bis ehrverletzend geführte Auseinandersetzung nachhaltig beschädigt zu werden. Daß aufgrund der Vielzahl von entschiedenen Fällen angesammelte wertvolle historische und juristische Wissen sollten die Entscheidungsträger verantwortungsvoll in die internationale Diskussion zum Umgang mit Raubkunst einbringen.

 3.

Im Jahr 2008 jährt sich zum 10. Mal der Jahrestag der Washingtoner Konferenz. Wir unterstützen die internationalen Forderungen nach der Einberufung einer Nachfolgekonferenz, auf der die Unterzeichnerstaaten den Stand der aktuellen Umsetzung der Washingtoner Prinzipien mitteilen, ihre in den letzten 10 Jahren gewonnenen Erfahrungen austauschen und festlegen können, wann und wie eine Erledigung der offenen Vermögensfragen herbeigeführt werden kann.

New York/Berlin, 25. Mai 2007

Rechtsanwalt David J. Rowland/ Rechtsanwälte Schink & Studzinski

Rowland & Associates, New York Berlin

 

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Gutachten

Auftraggeber:

Anita Halpin, Tochter und Alleinerbin von Hans Hess, Enkelin von Alfred Hess

vertreten durch:

Law Offices Rowland & Associates, New York City, USA und Rechtsanwälte Schink & Studzinski, Berlin

Auftragnehmer:

Rechtsanwalt Gunnar Schnabel und Dr. Monika Tatzkow, Wissenschaftlicher Dokumentationsdienst Offene Vermögensfragen, beide Berlin

Auftragsumfang

Die Historikerin Frau Dr. Monika Tatzkow und der Rechtsanwalt Gunnar Schnabel sind beauftragt worden, die historischen und juristischen Grundlagen zur Rückgabe des Gemäldes von Ernst Ludwig Kirchner „Berliner Straßenszene“ durch das Land Berlin zu prüfen.

Vorbemerkung der Gutachter

Wir, die Gutachter Dr. Monika Tatzkow und Rechtsanwalt Gunnar Schnabel, haben den o.a. Gutachterauftrag Ende März 2007 erhalten. Das Gutachten basiert auf öffentlich zugänglichen und/oder veröffentlichten Quellen, die sämtlichst im Gutachten bezeichnet worden sind. Sie werden als Anlagen zu dem Gutachten genommen.

Es werden ausschließlich Tatsachen vorgetragen, die durch Dokumente nachgewiesen werden. Tatsachenbehauptungen in anderen Gutachten, Stellungnahmen Dritter (insbesondere Presseveröffentlichungen) werden ausschließlich in dem Gutachten berücksichtigt, soweit diese Tatsachenbehauptungen durch Dokumente bewiesen werden.

Die Gutachter haben unbeschränkt Zugang zu den Unterlagen der Antragstellerin erhalten und durften unbeschränkt diese für das Gutachten auswerten und für die beigefügten Anlagen verwenden.

Die Gutachter haben weisungsfrei und unabhängig damit begonnnen, in eigenständiger Recherche die Primärquellen auszuwerten und weitere Nachforschungen über die historischen Sachverhalte anzustellen.

Die Gutachter versichern, weisungsfrei und unabhängig ausschließlich auf der aktuell ermittelten Tatsachenbasis die Feststellungen im Gutachten getroffen zu haben.

Die allein von dem Gutachter Rechtsanwalt Gunnar Schnabel gefertigte juristische Stellungnahme (Teil 2 des Gutachtens) ist ausschließlich auf der Grundlage der bewiesenen und im 1. Teil des Gutachtens dargestellten historischen Tatsachen gefertigt worden.

Inhaltsverzeichnis: Seite

1. Kapitel Wirtschaftliche Entwicklung der „Hess-Schuhfabriken“ 5

und des sonstigen Nachlassvermögens Alfred Hess

I. Stichpunktartige Zusammenfassung der nachfolgenden 5

Tatsachenfeststellungen

II. M.u.L. Hess Schuhfabrik AG, Erfurt 6

III. Neugründung der Schuhfabrik Hess AG 7

IV. Wirtschaftliche Entwicklung der Grundstücks AG 8

-Gesellschafterin der neu gegründeten Schuhfabrik

Hess AG-

V. Sonstiges Nachlassvermögen Alfred Hess 9

VI. Bisher ermitteltes Grundstücksvermögen des Alfred/ 10

Hans Hess

a) Grundstück Radowitzstraße 25 in Erfurt 10

b) Wiesengrundstück in Bad Berka 11

VII. Zusammenfassung – Ergebnis 11

2. Kapitel Persönliche und wirtschaftliche Situation von Hans Hess 13

(zwischen 1929 und 1947)

I. Stichwortartige Zusammenfassung der nachfolgenden 13

Tatsachenfeststellungen

II. Lebensweg Hans Hess bis 30.01.1933 13

III. Lebensweg Hans Hess 1933 bis 1945 14

IV. Lebensweg im Nachkriegseuropa 16

3. Kapitel Aufklärung über das Schicksal der Kunstsammlung Alfred Hess, 17

darunter des Kirchner-Gemäldes „Berliner Straßenszene“ von 1913

I. Situation vor der NS-Machtübernahme 17

II. Situation 1933 nach der NS-Machtübernahme 19

III. Situation 1934 22

IV. Situation 1935/36 25

V. Situation 1937 30

VI. Situation 1938 ff. 32

VII. Zur weiteren Provenienz des Kirchner-Gemäldes 35

„Berliner Straßenszene“

4. Kapitel Die zeitlich befristete „Rettung“ der Sammlung Hess in die 37 Schweiz

I. Vorbemerkung 37

II. Stichwortartige Zusammenfassung der nachfolgenden 37

Tatsachenfeststellungen

III. Endgültige Einfuhr – Einfuhrverbot 38

IV. Zeitlich befristete Einfuhr für Ausstellungsprojekte 39

V. Behandlung von Kunstwerke-Transfers aus dem 40

Deutschen Reich ins Ausland

5. Kapitel Rekonstruktion des Ankaufs der „Berliner Straßenszene“ durch 41

veröffentlichten Originalschriftverkehr

I. Leitsätze 42

II. Zusammengefasste Feststellungen - Erkenntnisse aus 42

Dem Originalschriftverkehr

III. Chronologische Reihenfolge ab 1934 45

6. Kapitel Nachkriegswiedergutmachungsrecht und die Anwendung im 52

Fall Hess

I. Stichpunktartige Zusammenfassung der nachfolgenden 52

Tatsachenfeststellungen

II. Primäres Wiedergutmachungsrecht - Alliierte Rücker- 52

stattungsbestimmungen

III. Sekundäres Wiedergutmachungsrecht 53

IV. Ergebnis 57

7. Kapitel Rechtliche Prüfung zur Rückgabe „Berliner Straßenszene“ 59

I. Zivilrechtliche Ansprüche 59

1. Erwerb vom Eigentümer Hans Hess 59

2. Zusammenfassung und Ergebnis 60

3. Die nachfolgenden Eigentumsübertragungen 60

II. Öffentlich-rechtliche gesetzliche Rückübertragungsansprüche 60

1. Alliiertes Rückerstattungsrecht 60

2. Bundesrückerstattungsgesetz 61

3. Geldentschädigung nach dem Entschädigungsgesetz 62

III. Ansprüche nach den Washingtoner Prinzipien und der Ge- 62

meinsamen Erklärung

1. Washingtoner Konferenz vom Dezember 1998 62

2. Ergänzende nationalstaatliche Regelungen und Er- 63

klärungen

3. Konkretisierung der Washingtoner Prinzipien im Stiftungs- 65

ratsbeschluss vom 04.06.1999

4. Gemeinsame Erklärung vom 14.12.1999 65

5. Prüfung des Vermögensverlustes der „Berliner Straßen- 66

szene“ an der Alliierten Rückerstattungsanordnung vom

26.07.1949

a) Gesetzliche Vermutung der Verfolgung durch dass 66

NS-Regime

b) Gesetzliche Vermutung: Verfolgungsbedingter Ver- 66

mögensverlust

c) Erleichterte Widerlegung des verfolgungsbedingten 66

Vermögensverlustes

d) Verschärfte Widerlegung des verfolgungsbedingten 67

Vermögensverlustes

e) Prozessuale Regularien 69

6. Kein Rückgabeausschluss durch Entschädigungsvergleich 70

von 1961

7. Keine Notwendigkeit zur Rückzahlung des Kaufpreises 71

von 1980

8. Kapitel Ergebnis 72

  1. Zusammenfassung der Tasachenfeststellungen 72

  2. Rechtliches Ergebnis 74

1. Kapitel

Wirtschaftliche Entwicklung der „Hess-Schuhfabriken“ und des

sonstigen Nachlassvermögens Alfred Hess

I.

Stichpunktartige Zusammenfassung der nachfolgenden

Tatsachenfeststellungen:

  • Bis 30.09.1930 war die M. u. L. Hess Schuhfabrik AG ein wirtschaftlich gesundes Unternehmen, das jährlich seine Bilanzsumme steigern konnte und zuletzt noch einen Jahresreingewinn von 400.000 RM erwirtschaftete.

  • Zahlungsschwierigkeiten aufgrund von Unternehmensverbindlichkeiten führten erstmalig am 13.04.1933 zur Beantragung eines gerichtlichen Vergleichsverfahrens.

  • Bereits einen Monat später am 19.05.1933 konnte das gerichtliche Vergleichsverfahren aufgehoben werden.

  • Die nach dem Tod von Alfred Hess am 24.12.1931 dem Alleinerben Hans Hess gegenüber geltend gemachten Nachlassverbindlichkeiten konnten von diesem beglichen werden einschließlich der Verbindlichkeit gegenüber dem Onkel des verstorbenen Alfred Hess durch Übertragung der Villa Hess, Richard-Breslau-Straße 14 in Erfurt an diesen. Die Regelung dieser sonstigen Nachlassverbindlichkeiten soll bis 17.09.1932 durch Hans Hess im Wesentlichen abgeschlossen worden sein.

  • Sowohl die am 24.11.1933 neu gegründete Schuhfabrik Hess AG als auch die seit diesem Zeitpunkt ihren Geschäftsbetrieb einstellende M. u. L. Hess Schuhfabrik, die als Grundstücksaktiengesellschaft Moltkestraße AG fortexistierte, konnten mit dem vorhandenen Gesellschaftsvermögen sämtliche in den früheren Jahren entstandenen Drittverbindlichkeiten begleichen und waren im Zeitpunkt der Arisierung 1937 wirtschaftlich gesundete Unternehmen.

  • Infolge der Flucht von Hans Hess im Juni 1933 nach Paris bestand für diesen keine Möglichkeit mehr, auf das von ihm ererbte Aktivvermögen seines Vaters Alfred Hess, besonders Aktienanteil an der M. u. L. Hess Schuhfabrik und diese als Gesellschafter der neu gegründeten Schuhfabrik Hess AG, Ansprüche geltend zu machen, z.B. durch Verkauf von Aktien und/oder Einforderung von Dividendenbeträgen. Gleiches gilt für das Miteigentum von Hans Hess an mindestens zwei ermittelten Grundstücken in Erfurt und Bad Berka, die von Hans Hess nicht verwertet werden konnten.

II.

M. u. L. Hess Schuhfabrik AG, Erfurt

(nachfolgend M. u. L. Hess Schuhfabrik genannt)

Der 15. Geschäftsbericht vom 27.01.1928 der M. u. L. Hess Schuhfabrik erläutert, dass sich die Konjunktur in der Schuhindustrie nach der schweren Krise im Frühjahr 1926 verbessert hat und die Gesellschaft erstmals wieder einen Umsatz erzielen konnte wie 1925. Die Gesellschaft weist bei einer Bilanzsumme von 9.681.344,23 RM einen Gewinn von 712.679,38 RM aus.

In diesem Geschäftsjahr hält Alfred Hess direkt 1.252 Aktien und mittelbar 1.000 weitere über eine holländische Gesellschaft. Die Gesamtanzahl der Aktien beträgt 3.698. Zum Berichtsjahr 1927 ist sein Onkel Georg Hess nach 40jähriger Unternehmenszugehörigkeit aus dem Vorstand ausgeschieden, in den Aufsichtsrat gewechselt und ist auf seinen Ruhesitz nach Berlin-Grunewald verzogen. Parallel zu diesem geschäftlichen Rückzug hat der bisherige Teilhaber Georg Hess an seinen Neffen Alfred Hess 500 Aktien der Gesellschaft für 120.000 GM veräußert. Zur Sicherung des Zahlungsanspruches war auf dem Privatgrundstück von Alfred Hess in Erfurt, Richard-Breslau-Straße 14, eine Sicherungshypothek in dieser Höhe eingetragen worden.

Beweis: 15. Geschäftsbericht der M. u. L. Hess Schuhfabrik vom 28.01.1928 für die Zeit vom 01.10.1926 bis 30.09.1927

Der 16. Geschäftsbericht vom 16.02.1929 weist auf einen scharfen Abstieg der Konjunktur ab Februar 1928 hin. Die Gesellschaft kann gleichwohl die Bilanzsumme auf 11.437.542,60 RM steigern und einen Reingewinn von 554.547,31 RM erwirtschaften und für das Geschäftsjahr 1927/28 eine 8%ige Dividende ausschütten.

Beweis: 16. Geschäftsbericht vom 16.02.1929 für den Zeitraum vom 01.10.1927 bis 30.09.1928

Der 17. Geschäftsbericht vom 21.02.1930 erwähnt das 50jährige Firmenjubiläum und weist darauf hin, dass das Geschäftsjahr 1928/1929 ein ausgesprochenes Krisenjahr ist wegen Abstieg der Konjunktur ab Anfang 1928 mit Tiefpunkt im Frühjahr 1929. Gleichwohl wird noch eine Bilanzsumme von 11.317.768,55 RM und ein Gewinn in Höhe von 303.397,62 RM erwirtschaftet.

Beweis: 17. Geschäftsbericht vom 21.02.1930 für den Zeitraum vom 01.10.1928 bis 30.09.1929

Im 18. Geschäftsbericht wird für das abgelaufene Geschäftsjahr (bis 30.09.1930) von einer Krise der Schuhwirtschaft berichtet, die eine Veränderung der Verkaufsorganisation erforderlich macht. Die Bilanzsumme konnte gleichwohl nochmals gesteigert werden auf 12.364.660,28 RM. Es wurde ein Reingewinn von 397.597,24 RM erwirtschaftet.

Beweis: 18. Geschäftsbericht vom 08.12.1930 für den Zeitraum vom 01.10.1929 bis 30.09.1930

Der 19. Geschäftsbericht erläutert die schweren Auswirkungen durch die Weltwirtschaftskrise, infolgedessen erhebliche Verluste durch Außenstände erlitten wurden und erstmalig in der 50jährigen Geschichte des Unternehmens der Jahresabschluss einen Verlust ausweist. Gleichwohl konnten die Bankverbindlichkeiten um rd. 600.000 RM auf rd. 2.200.000 RM reduziert werden; sonstige Drittverbindlichkeiten konnten um rd. 800.000 RM auf 1.300.000 RM reduziert werden. Der Geschäftsbericht vom 14.05.1932 vermerkt sodann den schweren Verlust des langjährigen Vorstandsmitgliedes Alfred Hess, der überraschend am 24.12.1931 verstarb. Die Bilanzsumme betrug noch 8.713.751,60 RM.

Beweis: 19. Geschäftsbericht vom 14.05.1932 für den Zeitraum vom 01.10.1930 bis 30.09.1931

Der fortlaufende Geschäftsbericht (20. Geschäftsbericht) für das Geschäftsjahr 01.10.1931 bis 30.09.1932 liegt nicht vor.

Aufgrund der weiteren Verschlechterung der wirtschaftlichen Lage infolge der Weltwirtschaftskrise wurde am 13.04.1933 das „Vergleichsverfahren zur Abwendung des Konkurses“ eröffnet.

Beweis: Antrag des AG Erfurt zum Geschäftszeichen Nr. 16 N.38/33

Der Vorstand berichtet in seinem Protokoll vom 29.03.1933, dass die Bilanz zum 30.09.1932 einen Verlust von 413.744,12 RM ausweist und das Vermögen des Unternehmens nur noch 836.255,88 RM beträgt.

Beweis: Anlage 2 zum notariellen Protokoll vom 29.03.1933 des Vorstandes vom 30.09.1932

Das am 13.04.1933 eröffnete Vergleichsverfahren wurde durch Beschluss des Amtsgerichts Erfurt am 19.05.1933 (also bereits nach einem Monat) wieder aufgehoben.

Beweis: Beschluss des AG Erfurt vom 19.05.1933

Die M. u. L. Hess Schuhfabrik existierte -namensändernd- als Grundstücksaktiengesellschaft Moltkestraße AG fort. Sie stellte zum 01.10.1933 ihre betriebliche Tätigkeit als Schuhfabrik ein. Die Grundstücksaktiengesellschaft Moltkestraße AG wurde 1939 liquidiert und im Handelsregister gelöscht.

Beweis: frühere Handelsregisterunterlagen der M. u. L. Hess Schuhfabrik, Feststellungen im Bundesverwaltungsgerichtsurteil vom 28.04.2004 -8 C 12.03 in ZOV 2004, 192- und Urteil VG Gera vom 08.08.2002 -5 K 1136/97 GE, unveröffentlicht-

III.

Neugründung der Schuhfabrik Hess Aktiengesellschaft

(nachfolgend Schuhfabrik Hess AG genannt)

Mit notariellem Gesellschaftsvertrag vom 24.11.1933 wurde die Schuhfabrik Hess Aktiengesellschaft gegründet. Das gesamte Gesellschaftsvermögen der neu gegründeten Schuhfabrik Hess AG wurde von der M. u. L. Hess Schuhfabrik als Sacheinlage eingebracht. Vereinbart wurde, dass ausschließlich ab 01.10.1933 die neu gegründete Schuhfabrik Hess AG die wirtschaftliche Tätigkeit der M. u. L. Hess Schuhfabrik fortsetzt. Die Sacheinlage betrug 449.600 RM. Als Gegenleistung erhielt dafür die M. u. L. Hess Schuhfabrik Aktien im Nominalwert von 449.600 RM. Das Grundkapital der neu gegründeten Schuhfabrik Hess AG betrug 450.000 RM, so dass die vormalige M. u. L. Hess Schuhfabrik durch die Einbringung von Vermögenswerten in Höhe von 449.600 RM Hauptgesellschafterin der neu gegründeten Schuhfabrik Hess AG wurde. Die in dem notariellen Gesellschaftsvertrag vom 24.11.1933 angegebenen Einbringungswerte belegen, dass die M. u. L. Hess Schuhfabrik zu diesem Zeitpunkt noch mindestens über ein Aktivvermögen von rd. 450.000 RM verfügte, das sie als Sacheinlage in die neu gegründete Schuhfabrik Hess AG einbrachte.

Beweis: notarieller Gesellschaftsvertrag vom 24.11.1933 und notarielle Verhandlung vom 24.11.1933

Der von der IHK Erfurt vereidigte und öffentlich bestellte Bücherrevisor Walter Holtschmitt trifft am 28.11.1933 folgende Feststellungen:

„Sollten sonst noch von Gläubigern Ansprüche gegen die M. u. L. Hess Schuhfabrik Aktiengesellschaft aus der Zeit vor dem 01.10.1933 geltend gemacht werden, so stehen nach den uns vorgelegten Unterlagen der alten Gesellschaft ausreichende Mittel zur Verfügung, um diesen Verbindlichkeiten nachzukommen, so dass auch von dieser Seite her der neuen Gesellschaft keine Gefahr droht. Dass die eingebrachten Sachwerte wie Roh- und Hilfsstoffe, Maschinen usw. frei von Rechten Dritter sind, ist uns von den Mitgliedern des Vorstandes ausdrücklich versichert worden und erscheint auch deshalb glaubhaft, weil die neue Gesellschaft ebenso wenig wie die alte Gesellschaft über nennenswerte Verbindlichkeiten verfügt, die mit Eigentums- usw. -rechten Dritter belastet sein könnten.“

Beweis: Seite 6 des Betriebsprüfungsberichtes von Walter Holtschmitt vom 28.11.1933)

Bereits im (Rumpf-) ersten Geschäftsjahr Oktober 1933 bis Juli 1934 wird im 1. Geschäftsbericht mitgeteilt, dass die ersten neun Monate zufrieden verliefen. Die Bilanzsumme beträgt knapp 800.000 RM, der Reingewinn rd. 16.000 RM.

Beweis: 1. Geschäftsbericht vom 25.10.1934

In den nachfolgenden Jahren verbessert sich ausweislich der ausgewerteten Geschäftsberichte sowohl die Bilanzsumme als auch der Reingewinn der neu gegründeten Gesellschaft.

IV.

Wirtschaftliche Entwicklung der Grundstücks AG  Gesellschafterin der neu gegründeten Schuhfabrik Hess AG 

Zur Begleichung von Drittverbindlichkeiten veräußerte die Grundstücks AG (vormalige M. u. L. Hess Schuhfabrik) in der Folgezeit einen Aktienanteil von 185.500 RM an Gläubiger.

Beweis: Feststellungen des Bundesverwaltungsgerichts und VG Gera a.a.0.

Nach einer Aufstellung vom 05.02.1936 betrug das Aktienkapital der Grundstücks AG infolge von zwei Kapitalherabsetzungen nominal 80.000 RM, verteilt auf 57.420 RM „arische“ Besitzer und 22.580 RM auf „nichtarische“ Besitzer. 1936 verlangte das NSDAP-Amt des Gauwirtschaftsberaters Aufklärung über das jüdische Beteiligungsverhältnis an der Grundstücksgesellschaft und der Hess Schuhfabrik AG. Daraufhin musste 1937 der Aktienanteil der Grundstücks AG an der Hess Schuhfabrik AG zu einem vorgeschriebenen Kurs von 79% an ein Gläubigerkonsortium übertragen werden. Dieser Verkauf des Aktienpaketes der Hess Schuhfabrik AG von der Inhaberin, der Grundstücksgesellschaft, stellt sich nach den Feststellungen des VG Gera und des Bundesverwaltungsgerichts als ein NS-verfolgungsbedingter Vermögensverlust dar, weil auch der Verkauf des Aktienpakets unter dem damaligen Kurswert erfolgt ist.

Beweis: gerichtliche Feststellungen Urteil VG Gera und Urteil Bundesverwaltungsgericht a.a.0.

Bisher konnte anhand der aufgefundenen Gesellschafts- und Handelsregisterunterlagen nicht eindeutig geklärt werden, wie hoch der Aktienanteil von Hans Hess an der Grundstücksgesellschaft im Zeitpunkt der Neugründung der Hess Schuhfabrik AG 28.11.1933 (damals betrug der „Wert“ der M. u. L. Hess Schuhfabrik rd. 450.000 RM) war.

Durch seine Aktienbeteiligung sowohl an der Grundstücksgesellschaft und über diese mittelbar an der Hess Schuhfabrik AG kann festgestellt werden, dass Hans Hess in nennenswertem Umfang in Form von Aktienanteilen ein Aktivvermögen zur Verfügung stand, über das er allerdings aufgrund seiner erzwungenen Flucht im Juni 1933 nicht verfügen konnte.

V.

Sonstiges Nachlassvermögen Alfred Hess

Als Alfred Hess überraschend am 24.12.1931 im Alter von 52 Jahren starb, wurde nach Ausschlagung der Erbschaft durch die testamentarisch eingesetzte Alleinerbin, Witwe Thekla Hess, der alleinige Sohn Hans Hess Erbe über den gesamten Nachlass seines Vaters Alfred Hess. Infolge von Vergleichen mit Nachlassgläubigern nach dem Tod seines Vaters am 24.12.1931 bis zum Abschluss des notariellen Veräußerungsvertrages vom 17.09.1932 (über das Villengrundstück R.-Breslau-Straße 14) konnte Hans Hess den Nachlasskonkurs abwenden und die Nachlassverbindlichkeiten seines Vaters Alfred Hess begleichen.

Beweis: Präambel zum notariellen Kaufvertrag vom 17.09.1932

Zum Zwecke der Befriedigung der auf dem Wohnhausgrundstück Richard-Breslau-Straße 14 in Erfurt eingetragenen Sicherungshypothek zugunsten des Onkels von Alfred Hess, Georg Hess, wurde der notarielle Grundstücksveräußerungsvertrag vom 17.09.1932 beurkundet und der Grundstückskaufpreis von 70.000 RM schuldtilgend verrechnet mit der eingetragenen Sicherungshypothek über 120.000 GM unter gleichzeitigem Verzicht auf die Restforderung von 50.000 GM. Damit war auch die durch Sicherungshypothek auf dem Grundstück lastende Verbindlichkeit gegenüber Georg Hess beglichen. Sie resultierte wie o.a. ausgeführt aus einem Erwerb von 500 Aktien an der M. u. L. Hess Schuhfabrik aus dem Jahre 1927, die Alfred Hess von seinem Onkel erworben hatte, als dieser altersbedingt nach 40 Jahren aus dem Familienunternehmen ausschied und sich zur Ruhe setzte.

Beweis: wie zuvor

Bis auf wenige Einzelverkäufe von Kunstwerken (vgl. dazu 4. Kapitel) war die Kunstsammlung Alfred Hess, bestehend aus bis zu 4.000 Kunstwerken, am 30.01.1933 noch nahezu vollständig vorhanden. Allein die

- 58 Gemälde,

- 1 Glasgemälde,

- 1 Teppich,

- 34 Aquarelle,

die zu der Ausstellung der Kunsthalle Basel im Oktober 1933 gesandt wurden, hatten einen Versicherungswert von 170.000 SFR.

Beweis: Schreiben des Baseler Kunstvereins vom 01.06.1934 an das Kunst haus Zürich zu Händen dessen Direktor Dr. Wartmann

Im Deutschen Reich verblieben weitere Kunstwerke, darunter

- mindestens 28 Gemälde,

- …. Aquarelle,

- …. Handzeichnungen und grafische Arbeiten.

Beweis: Erläuterung der Schadensfälle und erlittenen Schäden Anlage zur Anspruchsbegründung Wiedergutmachungssache Hans Hess, Rechtsanwalt von Pückler vom 01.04.1958

VI.

Bisher ermitteltes Grundstücksvermögen des Alfred/Hans Hess

a) Grundstück Radowitzstraße 25 in Erfurt

Hans Hess war zu einem Drittel Miteigentümer an dem in Erfurt belegenen Grundstück Radowitzstraße 25. Der Einheitswert betrug zum 01.01.1935 19.800 RM (Wertanteil Hans Hess 6.600 RM). Das Grundstück wurde mit notariellem Kaufvertrag vom 09.03.1935 zum Preis von 15.000 RM von einem bevollmächtigten Rechtsanwalt der drei Miteigentümer Hess veräußert. 1939 erfolgte eine Weiterveräußerung des Grundstückes für 21.780 RM. Im vermögensrechtlichen Verfahren hat das AROV Erfurt mit Bescheid vom 19.06.1997 die vermögensrechtliche Anspruchsberechtigung zugunsten der CCN (als gesetzlicher Rechtsnachfolger nach Hans Hess) festgestellt und den Verkauf des Grundstückes als verfolgungsbedingten Vermögensverlust festgestellt, weil der Verkauf erheblich unter dem damaligen Einheitswert erfolgte und der vier Jahre spätere wesentlich höhere Verkaufspreis (15.000 RM : 21.780 RM) belege, dass kein verkehrsüblicher Kaufpreis erzielt worden ist. Keine Feststellungen wurden getroffen, ob der Ein-Drittel-Verkaufspreis Hans Hess zugeflossen ist.

Beweis: Bescheid des AROV Erfurt vom 19.06.1997 A

b) Wiesengrundstück in Bad Berka

Eingetragener Miteigentümer des 34.564 m² großen Wiesen- bzw. Ackerlandgrundstückes war zu einem Viertel (bzw. 5/20) Alfred Hess bzw. infolge Erbganges 1931 Hans Hess. Im Juni 1944 leitete das Finanzamt Weimar eine Vermögensverwertung Hans Israel Hess zum Zwecke des Vermögensverfalles ein. Verfahrensrechtlich ist es dazu nicht mehr gekommen und Hans Hess Eigentümer des 5/20- bzw. 1/4-Anteils seines eingetragenen Vaters Alfred Hess geblieben.

Beweis: Bescheid des AROV Außenstelle Rudolstadt vom 01.10.2002,

Schreiben des BADV vom 08.12.2006 nebst aktuellem Grundbuchauszug,

Schreiben des Finanzamtes Weimar vom 14.06.1944 und 26.02.1946 B

VII.

Zusammenfassung - Ergebnis

Alfred Hess war als maßgeblicher Gesellschafter an der weitgehend in Familienbesitz befindlichen M. u. L. Hess Schuhfabrik beteiligt und als Vorstandsmitglied leitend tätig. Die Schuhfabrik mit mehreren tausend Beschäftigten und dutzenden von Verkaufsgeschäften im Deutschen Reich war einer der Marktführer seiner Branche. Ausweislich der Geschäftsberichte für den Zeitraum Oktober 1928 bis September 1931 handelte es sich um ein seit 50 Jahren bestehendes Unternehmen, das eine Bilanzsumme von bis zu 11 Mio. RM und jährlichen Gewinnen von bis zu 700.000 RM erwirtschaftete. Aufgrund der Auswirkungen der Weltwirtschaftskrise kam das Unternehmen erstmalig im Geschäftsjahr Oktober 1930/September 1931 in wirtschaftliche Schwierigkeiten, erzielte erstmalig einen Unternehmensverlust, der aufgrund anhaltender wirtschaftlicher Schwierigkeiten im April 1933 zur Abwendung des Konkurses zu einem -Vergleichsverfahren- führte, das bereits nach 4 Wochen wieder aufgehoben werden konnte. Die M. u. L. Hess Schuhfabrik stellte ihre ursprüngliche geschäftliche Tätigkeit zum 01.10.1933 ein und übertrug ein Aktivvermögen von rd. 450.000 RM auf die neu gegründete Schuhfabrik Hess AG, die in den Folgejahren als wirtschaftlich gesundes Unternehmen fortexistierte. Die ursprüngliche M. u. L. Hess Schuhfabrik, umfirmiert in Grundstücksaktiengesellschaft Moltkestraße AG, konnte in den Folgejahren durch Verkauf weiteren Aktivvermögens und auch eines Teils des Aktienkapitals an der Schuhfabrik Hess AG sich vollständig von seinen infolge der Weltwirtschaftskrise entstandenen Verbindlichkeiten befreien. Sie wurde 1939 -von Schulden frei  liquidiert und gelöscht.

Von persönlichen, gegenüber Alfred Hess bestehenden Verbindlichkeiten (die zum Teil auch aus seiner Sekundärhaftung gegenüber Gläubigern der M. u. L. Hess Schuhfabrik resultiert haben dürften) konnte sich Hans Hess bis September 1932 durch Begleichung der Verbindlichkeiten und Abschluss von Vergleichen befreien. Von anderen Verbindlichkeiten gegenüber Dritten ab diesem Zeitpunkt ist nichts Aktenkundiges feststellbar.

Der Vermögensstatus der M. u. L. Hess Schuhfabrik zum Zeitpunkt der Einstellung ihres operativen Geschäftsbetriebes am 01.10.1933 wies mindestens ein Aktivvermögen in Höhe von rd. 449.800 RM auf, das als Sacheinlage in die neu gegründete Hess Schuhfabrik AG eingebracht wurden. Sonstige Verbindlichkeiten der M. u. L. Hess Schuhfabrik, in Grundstücksgesellschaft Moltkestraße AG umbenannt, konnten durch Veräußerungen von der Gesellschaft noch verbliebenen sonstigen Betriebsvermögens beglichen werden.

Ergebnis:

Das am 24.12.1931 von Hans Hess geerbte Vermögen des Alfred Hess war hinsichtlich seiner Firmenbeteiligungen spätestens im Oktober 1933 „entschuldet“. Bereits zu diesem Zeitpunkt existierte ein unternehmerisches Aktivvermögen von mindestens 360.000 RM, an dem Hans Hess mittelbar durch seinen Aktienbesitz maßgeblich beteiligt war.

Daneben stand ihm zu ein Drittel an bisher zwei festgestellten Grundstücken in Erfurt und Umgebung das Miteigentum zu.

Schließlich belief sich der Versicherungs-/Verkehrswert der Teil-Kunstsammlung Hess, die sich 1933 in Basel befand, auf mindestens 170.000 SFR.

Verbindlichkeiten Dritten gegenüber sowohl aus unternehmerischen als auch privaten Verbindlichkeiten waren offensichtlich spätestens mit Verkauf der Villa R.-Breslau-Straße 14 in Erfurt im September 1932 getilgt und damit die Nachlassverbindlichkeiten beglichen.

2. Kapitel

Persönliche und wirtschaftliche Situation

von Hans Hess

(zwischen 1929 und 1947)

I.

Stichwortartige Zusammenfassung der nachfolgenden Tatsachenfeststellungen:

- Vor 1933 war Hans Hess aufgrund seiner zuvor in den USA abgeschlossenen mehrjährigen Ausbildung als Reklamefachmann mit einem hoch dotierten Gehalt von monatlich 1.500 RM beschäftigt.

- Seit seiner Anstellung ab Oktober 1932 konnte er innerhalb weniger Monate sein Gehalt von 600 auf 800 RM monatlich bis Juni 1933 steigern und verdiente ein für damalige Verhältnisse überdurchschnittliches Gehalt (vgl. Jahresdurchschnittseinkommen eines Angestellten/Arbeiters 1933 – ca. 300 RM

- Aus rassischen und politischen Gründen wurde das Arbeitsverhältnis von Hans Hess beim Ullstein Verlag zum Juni 1933 gekündigt. Hans Hess verlor seinen Arbeitsplatz und regelmäßiges Einkommen.

- Hans Hess floh aus dem Deutschen Reich im Juni 1933 nach Paris und schlug sich dort mit Gelegenheitsjobs bis Ende 1935 durch.

- Von 1936 in England, zeitweilig in Kanada (1940-1943) interniert, 1940 bis Ende 1943 war Hans Hess ohne regelmäßiges Einkommen und hatte monatliche „Einkünfte“ von durchschnittlich 12 Englischen Pfund.

- Erst durch die Aufnahme einer regulären Beschäftigung seit Januar 1944 als Museumsmitarbeiter in Leicester konnte er beginnend von 250 Englischen Pfund pro Monat bis Ende 1947 anwachsend auf 1.000 Englische Pfund pro Monat ab 1948 ein ausreichendes, wirtschaftliches Auskommen für seine Familie und die bei ihm lebende Mutter Thekla Hess begründen.

II.

Lebensweg Hans Hess bis 30.01.1933

Am 28.03.1908 wurde Hans Hess als Sohn von Thekla Hess geborene Pauson und Alfred Hess geboren.

Beweis: Geburtsurkunde Nr. 801/08 des Standesbeamten in Erfurt vom 13.12.1938

Dort Religionszugehörigkeit der Eltern  mosaisch- bezeichnet.

Der alleinige Sohn von Thekla und Alfred Hess hatte vor 1929 eine mehrjährige Ausbildung in den USA abgeschlossen und trat 1929 in die M. u. L. Hess-Schuhfabrik AG als Leiter der Reklameabteilung ein. Monatsgehalt 1.500 RM bei einem jährlichen Reklameetat der Firma von rd. 400.000 RM.

Beweis: eidesstattliche Versicherung des Josef Heilbronner, frühes stellvertretendes Vorstandsmitglied der Schuhfabrik Hess AG vom 17.11.1957

Offensichtlich aufgrund der wirtschaftlichen Schwierigkeiten der M. u. L. Hess-Schuhfabrik AG  ab Ende 1931 , die zu einschneidenden wirtschaftlichen Veränderungsmaßnahmen im Unternehmen führten (1933 kurzzeitiges, vierwöchiges Konkurs- und abschließendes Vergleichsverfahren, Kapitelherabsetzung, 1934 Fortführung als Grundstücksaktiengesellschaft und Neugründung einer Tochtergesellschaft Hess Schuhfabrik AG), kam es spätestens im Herbst 1932 zu einer Beendigung seiner dortigen Leitungstätigkeit in der Reklameabteilung.

Hans Hess siedelte nach Berlin über und war seit Oktober 1932 in der seinerzeit sog. „Zeitschriften-Propaganda“ des Ullstein-Verlages tätig. Sein Anfangsgehalt betrug 600 RM pro Monat, das nach kurzer Zeit auf 700 RM erhöht wurde und bei seinem Ausscheiden im Juni 1933 800 RM betrug und sich bei fortgesetzter Tätigkeit auf 900 RM jeweils pro Monat belaufen hätte.

Beweis: Bescheinigung der Ullstein AG vom 20.01.1958

III.

Lebensweg Hans Hess 1933 bis 1945

Die Ullstein AG bescheinigt, dass das Arbeitsverhältnis mit Hans Hess aus -rassischen Gründen  im Juni 1933 durch Kündigung von Seiten des Ullstein Verlages beendet wurde. Dass bereits zu diesem Zeitpunkt systematisch der Ullstein-Verlag durch die Nationalsozialistische Betriebszelle „gesäubert“ wurde, belegt das Schreiben der Nationalsozialistischen Betriebszelle vom 03.07.1933 an den Vorsitzenden der deutschen Studentenschaft, in dem es heißt: „Dass die Nationalsozialistische Betriebszelle des Verlages Ullstein, die eine der größten Zellen des Reiches ist, mutig im Sinne unseres großen Führers vorgegangen ist, dessen dürfen Sie versichert sein. Wir haben sämtliche jüdischen Chefredakteure durch christliche Herren ersetzen lassen, wir haben ferner die wichtigsten Redakteurstellen ebenso verändert und endlich haben wir sämtliche Staatsfeinde zum Teil verhaften, zum anderen Teil kündigen lassen.“

Beweis: wie zuvor Bescheinigung Ullstein AG vom 20.01.1958, zitiert aus Hildegard Brenner „Die Kunstpolitik des Nationalsozialismus“.

In Berlin wohnte Hans Hess zunächst in der Berliner Straße 45 in Charlottenburg, zuletzt war er am Laubenheimer Platz 10 in Berlin-Wilmersdorf gemeldet, von dem er am 01.10.1933 nach unbekannt verzogen abgemeldet worden ist.

Beweis: Vermerk des Finanzamtes Weimar vom 12.10.1943 zum Betreff: „Dem Reich verfallenes Vermögen, hier Kaufmann Hans Hess, Charlottenburg“

Als Hans Hess in der Berliner Straße 45 bei Frau Elisabeth Hauptmann wohnte, wurde kurz vor oder nach der Machtergreifung der Nazis deren Wohnung überfallen und verwüstet. Elisabeth Hauptmann, Mitarbeiterin und Freundin Berthold Brechts, war aufgrund ihrer links gerichteten Tätigkeit eines der ersten Angriffsziele der Nazis nach der Machtübernahme.

Beweis: eidesstattliche Versicherung der Frau Elisabeth Hauptmann vom 21.09.1957, als Nr. 7 eingereicht im Antragsschreiben vom 01.04.1958 des Rechtsanwalts Graf von Pückler

Hans Hess kehrte, aufgrund einer Grippe verspätet, von den Weihnachtsfeierlichkeiten und dem Gedenken an den ersten Todestag seines Vaters in die Berliner Wohnung zurück. Er fand diese geplündert und leer vor. Die Mitbewohnerin Elisabeth Hauptmann war bei der Überfallaktion verhaftet worden. Nachbarn teilten ihm mit, die Nazi-Schläger hätten prahlerisch angekündigt, „bezüglich der anderen wiederzukommen“. Der damals 25jährige Hans Hess, persönlich geschockt und eingeschüchtert durch diese Ereignisse, bereitete spätestens nach Erlass der Ermächtigungsgesetze und den erneuten Reichstagswahlen im März 1933, als die letzten Hoffnungen auf eine politische Wende im Deutschen Reich erloschen waren, seine Emigration vor.

Beweis: Erklärung Anita Halpin (Tochter von Hans Hess) vom 14.01.2004

Hans Hess ist nach eigenen Angaben am 11.06.1933 aus dem Deutschen Reich nach Frankreich, Paris, emigriert. Dort hat er bis mindestens Dezember 1935 gewohnt, freiberuflich durch Gelegenheitsjobs gearbeitet und umgerechnet 12 Englische Pfund monatlich verdient.

Beweis: Formular BEG-Schreiben vom 23.11.1959, von Hans Hess eigenhändig unterschrieben

Anlage zum Begründungsschreiben in der Wiedergutmachungssache Hans Hess vom 01.04.1958 durch den bevollmächtigten Rechtsanwalt Graf von Pückler und Erklärung von Anita Halpin vom 14.01.2004, a.a.0.

Seit 1936 lebte Hans Hess in London, dort gleichfalls ohne regelmäßiges Einkommen, zeitlich befristet als Reklameagent, Angestellter im offiziellen englischen Flüchtlingskommitee usw. tätig. Seine monatlichen Einkünfte sollen durchschnittlich 12 Englische Pfund betragen haben.

Beweis: wie zuvor, Seite 2 der Anlage „Schilderung des Verfolgungsvorganges“

Von 1940 bis 1942 war Hans Hess in Kanada interniert. 1943 nach England zurückgekehrt arbeitete er in der Landwirtschaft mit einem Verdienst von 3 Englischen Pfund in der Woche (rd. 12 Englische Pfund Monatsverdienst).

Seit Januar 1944 bis August 1947 war er Museumsmitarbeiter des Städtischen Museums von Leicester. Sein Jahreseinkommen betrug 1944 rd. 250 Englische Pfund, 1945 300 Englische Pfund, 1946 400 Englische Pfund und ab 1947 rd. 1.000 Englische Pfund.

Beweis: Mitteilungsschreiben der City of Leicester Museums and Art Gallery vom 19.11.1962

Während dieser Zeit war Hans Hess verheiratet, hatte ein Kind (Tochter Anita Hess, geboren 1943) und sein jeweils jährlich erzieltes Einkommen stellte keine ausreichende Lebensgrundlage für die Versorgung seiner Familie dar.

Beweis: eidesstattliche Versicherung von Hans Hess vom 4.12.1962 und Begründung Antragsschreiben vom 22.07.1958 für Vorschussgenehmigung 10.000 DM wegen Unterhaltspflichten u.a. für die vermögenslose bei ihm wohnende Mutter Thekla Hess

IV.

Lebensweg im Nachkriegseuropa

Erst nachdem Hans Hess ab Herbst 1946 stellvertretender bzw. zweiter Artdirector der Gallery wurde, war es ihm möglich, ein kleines Häuschen anzumieten, wo er mit seiner Frau, Tochter Anita und Mutter Thekla bescheiden wohnen konnte.

Ein Zugriff auf sein in der SBZ zurückgelassenes Vermögen war Hans Hess nicht mehr möglich. Hans Hess war wegen seiner wirtschaftlichen Notsituation „auf Verkäufe aus (seinem) Besitz angewiesen“. Da ihm zu seiner freien Verfügung nur die nach England geretteten Restbestände der Kunstsammlung Alfred Hess zur Verfügung standen, wurden von diesen einzelne Werke veräußert.

Beweis: wie zuvor eidesstattliche Versicherung von Hans Hess vom 04.12.1962

3. Kapitel

Aufklärung über das Schicksal der Kunstsammlung Alfred Hess, darunter des Kirchner-Gemäldes „Berliner Straßenszene“ von 1913

I.

Situation vor der NS-Machtübernahme

Die Bedeutung des Sammlers, Mäzenen und Kunstförderers Alfred Hess wurde Anfang der 90er Jahre erstmalig ausführlicher beschrieben und gewürdigt (siehe Mechthilt Lucke: Der Erfurter Sammler und Mäzen Alfred Hess, in: Henrike Junge (Hg.): Avantgarde und Publikum, Köln, Weimar, Wien 1992, s. 149 ff.).

Die Kunstsammlung von Alfred und Thekla Hess entstand im Zeitraum 1918 bis 1931. Alfred Hess erwarb die Werke seiner Sammlung insbesondere von den Künstlern selbst. Edwin Redslob und später Walter Kaesbach, die Direktoren des Erfurter Museums, waren ihm dabei wichtige Berater. „Sie machten ihn“, wie der Sohn Hans Hess später schrieb, „ mit der neuen Kunst und den neuen Künstlern bekannt. Gemeinsam besuchten sie die Maler im Atelier und auf ihren Ausstellungen und wählten Bilder aus. In der schwierigen Zeit half mein Vater den Künstlern, weil sie Hilfe brauchten und er ihre Bilder verstand, die Künstler vertrauten ihm, weil er ihre Arbeit achtete und weil sie wussten, daß sie geschätzt wurden. So kamen die neuen Bilder des deutschen Expressionismus und die neuen Freunde ins Haus“.

Beweis: Dank in Farben. Aus dem Gästebuch Alfred und Thekla Hess, München 1957

Alfred Hess kaufte jedoch auch von Kunsthändlern wie z. B. Justin Thannhauser, dessen Galerie er gemäß den Überlieferungen des Thannhauser-Achivs (im Zentralarchiv des internationalen Kunsthandels e. V. ZADIK in Köln) nachweislich 1928 und 1930 in Berlin aufsuchte.

Die „Berliner Straßenszene“ von Ernst Ludwig Kirchner hatte Alfred Hess mutmaßlich zwischen 1919 und 1922 erworben. Auf der Kirchner-Ausstellung 1918 war das Bild noch verkäuflich, auf jener in Erfurt 1922 wurde es bereits als Leihgabe Alfred Hess präsentiert. Möglich ist, dass Alfred Hess das Bild bei dem Kunsthändler Schames in Frankfurt am Main 1919, 1920 oder 1922 erwarb.

Teile der Sammlung befanden sich als langjährige Leihgaben in bedeutenden musealen Sammlungen Moderner Kunst, so im Angermuseum in Erfurt, im Kronprinzenpalais der Nationalgalerie in Berlin und im Museum Moritzburg in Halle.

Bisher ist nicht bekannt, ob und welche Bilder Alfred Hess veräußerte, bis er am 24.12.1931 starb. Zu diesem Zeitpunkt umfasste seine Sammlung expressionistischer Kunst ca. 4.000 Gemälde, Zeichnungen, Graphiken, Plastiken usw.

Die in der Öffentlichkeit vielfach aufgestellten Behauptungen, Alfred Hess habe wegen wirtschaftlicher Schwierigkeiten infolge der Weltwirtschaftskrise ab 1926, insbesondere aber ab 1929, fortlaufend Kunstwerke verkauft, sind durch keine Dokumente belegt. Feststeht, dass die M. u. L. Hess Schuhfabrik AG noch am 30.09.1930 trotz einer Krise in der Schuhwirtschaft ihre Bilanzsumme und ihren jährlichen Reingewinn zum Vorjahr steigern konnte auf knapp 400.000 RM (vgl. Ausführungen 1. Kapitel II. 1., dort 18. Geschäftsbericht). Wirtschaftliche Schwierigkeiten traten erstmalig im Geschäftsjahreszeitraum 01.10.1930 bis 30.09.1931 auf (vgl. 1. Kapitel II. 1, dort 19. Geschäftsbericht).

Bekannt ist, dass in Thüringen die von Alfred und Thekla Hess gesammelte Kunst von den Nazis bereits seit 1930 verfolgt wurde. Wilhelm Frick war für die NSDAP in diesem Jahr Minister des Innern und für Volksbildung geworden und erließ kurz nach Amtsantritt den berüchtigten Erlass „Wider die Negerkultur und für deutsches Volkstum“. Mit tätiger Schützenhilfe seines Kulturberaters Paul Schultze-Naumburg kam es in Weimar zum ersten Bildersturm gegen Werke der Klassischen Moderne. Innerhalb weniger Stunden wurde die gesamte Avantgarde aus den Ausstellungsräumen des Weimarer Landesmuseums entfernt. Es handelte sich um ca. siebzig Werke aller namhaften Vertreter, die auch Alfred Hess gefördert und deren Bilder er gesammelt hatte.

Schon in den 20er Jahren wurde in einschlägigen rechtsnationalen Zeitungen gegen „das verjudete Erfurt“ unter namentlicher Nennung der Hess-Schuhfabriken und deren Mitinhaber Alfred und Thekla Hess gehetzt und diese als Beispiel für die „Verjudung“ der deutschen Wirtschaft angeprangert.

Beweis: Wochenblatt Echo Germania Nr. 42/27 und 47/27

Thekla Hess verlegte nach dem Verkauf der Villa an den Onkel Georg Hess in Erfurt im September 1932 den Lebensmittelpunkt in ihren Geburtsort nach Lichtenfels in Bayern zu ihrer Familie Pauson. Sie nahm die in der Villa befindlichen Kunstwerke dorthin mit und entzog sie damit nicht zuletzt den völkisch-nationalen Eiferern in Thüringen. Zwei Gemälde von Nolde soll sie an Familienmitglieder abgegeben haben. Dies ist dem Artikel „Die Sammlung Alfred Hess“ von Christina Feilchenfeldt und Peter Romilly zu entnehmen.

Beweis: Weltkunst 01.10. 2000, S. 1855 ff.

Der Bruder von Thekla Hess, Stefan Pauson, hatte bei einem Besuch Anfang Oktober 1932 bei dem Berliner Kunsthändler Justin Thannhauser ausweislich der Notizen Thannhausers mitgeteilt, dass es seiner Schwester nicht gut gehe und er sie veranlassen wolle, Kunstwerke zu verkaufen.

Beweis: Kundenkarteikarte der Galerie Thannhauser zu Stefan Pauson – Besuch am 12.10.1932

Dennoch erfolgten diese Verkäufe nicht. Über die beiden vorstehend genannten Nolde-Gemälde hinaus, die an Familienmitglieder gingen, ist für keines der Kunstwerke aus der Sammlung Hess im Zeitraum der wirtschaftlichen Schwierigkeiten (dokumentiert ab Oktober 1930) ein Eigentumswechsel nachweisbar. Es gibt keine zeitgenössischen Belege dafür, dass seinerzeit Kunstwerke bei Kunsthändlern zum Verkauf standen.

Die Leihgaben aus der Sammlung Hess blieben in den Museen.

Der Sohn Hans Hess zog im Oktober 1932 nach Berlin, begann seine Tätigkeit in der Reklameabteilung im Ullstein-Verlag und wohnte zur Untermiete bei Frau Elisabeth Hauptmann.

Was sollte mit der bedeutenden Sammlung Hess geschehen?

Thekla Hess hatte in Lichtenfels nicht die Möglichkeit, sie angemessen unterzubringen. Gleiches galt für ihren Sohn, den alleinigen Erben Hans Hess in Berlin. Würden sie zu gegebener Zeit wieder gemeinsam – vielleicht in Berlin – ein Domizil haben für sich und auch für die Bilder? Bis dahin waren beide augenscheinlich bestrebt, für die Sammlung eine ihrer Bedeutung entsprechende Unterbringung zu suchen.

Ende 1932 bat Thekla Hess darum, Leihgaben im Kronprinzenpalais an das Angermuseum zu senden (7 Marc- und 1 Feininger-Gemälde). Der Direktor des Angermuseums erklärte die kurzfristige Übernahme der Bilder gegenüber dem Direktor der Nationalgalerie Ludwig Justi damit, dass seine „hohe Kommission“ noch zu Jahresende „die Angelegenheit der Sammlung Hess“ erörtern wolle.

Beweis: Schreiben des Angermuseums Erfurt, vom 24.12.1932 an den Direktor der Nationalgalerie Berlin

Zum Jahreswechsel 1932/33 hatte Thekla Hess offensichtlich dem Kunstmuseum Basel den Vorschlag unterbreitet, die Kunstsammlung als ganzes oder zu einzelnen Teilen zu erwerben. Das Kunstmuseum war über die Sammlung im Einzelnen nicht informiert und wollte sich sachkundig machen.

Beweis: Sitzungsprotokoll der Kunstkommission des Kunstmuseums

Basel vom 09.01.1933

Zwischenergebnis 1932: Die Aktivitäten 1932 und um den Jahreswechsel 1932/33 zeigen, dass sich Thekla Hess um eine angemessene Heimstadt für die Sammlung bemühte und dass dies ein bedeutendes Museum im In- oder Ausland sein sollte. Bilderverkäufe, ob aus räumlichen Gründen oder wegen wirtschaftlicher Schwierigkeiten, erfolgten nicht.

II.

Situation 1933 nach der NS-Machtübernahme

Es wird ein großer Bildersturm durch Deutsches Land gehen müssen!“ hatten Teile der Presse schon 1930 gefordert. Der „Kampfbund für Deutsche Kultur“ unter Leitung des NSDAP-Chefideologen Alfred Rosenberg zog durch deutsche Städte und diffamierte mit Beschimpfungskampagnen expressionistische Künstler und ihre Werke. Vertreter der Moderne wurden als „antinationale Kulturbolschewisten“ und Verbreiter der Weltrevolution dargestellt, die es mit allen Mittel zu bekämpfen gelte.

Thekla Hess befand sich mit der Sammlung expressionistischer, im Land als „Verfallskunst“ geächteter Werke, in Nazi-Deutschland. Ihr Sohn konnte ihr bei der Sicherung und Verwahrung der Kunstwerke nicht mehr zur Seite stehen, denn er kehrte im Juni 1933 Deutschland fluchtartig den Rücken, war nach Paris emigriert und dort mittellos.

Bereits am 11.03.1933 diffamierte das Wochenblatt „Echo Germania“ auf seiner Titelseite „Museums-Demokratie und Familie Hess“ das Ankauf- und Leihverhalten des Erfurter Museums und verkündete, dass nunmehr endlich der Reichskunstwart Dr. Redslob und dessen Nachfolger im Erfurter Museum, Walter Kaesbach, aus ihren Ämtern entfernt worden seien.

Beweis: Echo Germania Nr. 10/33

Die Ergebnisse der Erörterung der „Angelegenheit der Sammlung Hess“ im Angermuseum endeten mit der Rückgaben der dort befindlichen Hess’schen Leihgaben.

Beweis: Schreiben des Angermuseums vom 08.08.1961 nebst Liste der Leihgaben Hess

Den künstlerisch wertvollsten Teil der Sammlung, insbesondere Gemälde und Aquarelle, konnte Thekla Hess in Abstimmung mit ihrem nicht mehr in Deutschland befindlichen Sohn Hans, dem Eigentümer der Sammlung, 1933 an die Kunsthalle in Basel senden. Dieser Teil befand sich ausweislich von im Staatsarchiv in Basel befindlichen Unterlagen spätestens Mitte September 1933 im Depot des Museums.

Die dortigen Depotbücher belegen, dass in neun Kisten AH1 bis AH 9 mindestens 100 Kunstwerke nach Basel gelangten - darunter das Gemälde von Ernst Ludwig Kirchner „Berliner Straßenszene“ 1913 mit der Bezeichnung „Begegnung? Strasse in Paris“.

Beweis: zweiseitiger Auszug aus dem Depotbuch des Kunstmuseums Basel

Das graphische Werk der Sammlung, etwa 1.000 Blätter, einige Ölgemälde (z. B. drei von Feininger) und Aquarelle befanden sich nach wie vor in Lichtenfels.

Beweis: Schreiben von Thekla Hess vom 30.11.33 (Poststempel) an den Direktor des Zürcher Kunsthauses Wartmann

Bisher ist nicht bekannt, ob die Ausstellung „Moderne deutsche Malerei aus Privatbesitz“ im Oktober 1933 im Basler Kunstmuseum im Wesentlichen im Zusammenhang mit dieser Sendung geplant wurde oder ob sie bereits vorher konzipiert war. Dieses Ausstellungsprojekt ermöglichte es jedoch, dass die Versendung der Hess-Bilder nach Basel in Nazi-Deutschland als Leihgabe deklariert werden konnte und nicht in den Verdacht der Verbringung von Vermögen ins Ausland geriet. Ansonsten drohten strenge Strafen wegen Steuer- und Devisenvergehen.

Juden waren besonders gefährdet, denn jegliche Transferierung beweglichen Vermögens ins Ausland wurde strengstens kontrolliert. Die Steuer- und Devisengesetzgebung wurde seit der NS-Machtübernahme als Repressionsinstrument gegen sie genutzt. Betroffen waren nicht ausschließlich emigrierte bzw. ihre Emigration betreibende Juden, sondern gleichermaßen jene, bei denen die anstehende Emigration bzw. Flucht lediglich vermutet wurde. Bisher unveröffentlichtem Archivmaterial ist zu entnehmen, dass der Reichsfinanzminister bereits am 09.06.1933 verkündet hatte, dass „in letzter Zeit“ in steigendem Maße Anzeigen über Steuer- und Kapitalflucht eingehen. Er ordnete an, „mit allen zu Gebote stehenden Mitteln durchzugreifen“. Der Präsident des reichsübergreifend wirkenden Landesfinanzamtes Berlin gab schon am 14.11.1933 eine Rundverfügung zur „Feststellung derjenigen Steuerpflichtigen [heraus], die heimlich Vermögen ins Ausland verbringen und dann selbst ins Ausland fliehen“. Finanzämter, Devisen- und Zollfahndungsstellen, Gestapo und Sicherheitsdienst arbeiteten dabei Hand in Hand.

Beweis: Verfügungen des Landesfinanzamtes vom 14.11.1933 und 06.11.1935, Bericht an den Reichsfinanzminister vom 27.02.1936

Deshalb war es von höchster Wichtigkeit, dass die Kunstwerke der Sammlung Hess, deklariert als Leihgaben zu Ausstellungszwecken, mit Freipass und zollfrei nach Basel „einreisen“ konnten.

Vom 07. bis 29. Oktober 1933 zeigte das Kunstmuseum in Basel „Moderne deutsche Malerei aus Privatbesitz“. Die Leihgeber wurden im Ausstellungskatalog nicht ausgewiesen.

Beweis: Katalog der Ausstellung „Moderne deutsche Malerei aus Privatbesitz in der Kunsthalle Basel 07.-29.10.1933

Provenienzforschungen haben ergeben, dass mindestens 40 Ölgemälde und Aquarelle sowie Zeichnungen aus der Sammlung Hess präsentiert wurden – unter ihnen auch das Gemälde von Ernst Ludwig Kirchner „Berliner Straßenszene“ 1913 unter dem Titel „Straße in Paris“.

Der Katalog erwähnt, dass eine Anzahl der Bilder verkäuflich sind, was den Rechtsanwalt Dr. Wilhelm Hoch aus Schopfheim dazu veranlasste, beim Kunstmuseum für die von ihm aufgezählten Ausstellungsstücke nach den Preisen und den Verkäuferanschriften zu fragen. Das Kunstmuseum antwortete postwendend, dass die Bilder mit einigen Ausnahmen nicht verkäuflich sind.

Beweis: Schreiben des RA Hoch an den Kunstverein Basel vom 21.10.1933 Briefe, Antwortschreiben des Kunstvereins vom 24.10.1933

Die Ausnahmen, also die verkäuflichen Bilder, betrafen nicht die Sammlung Hess. Daraus folgt, dass es Thekla Hess um eine angemessene und sichere zukünftige Unterbringung der Gesamtsammlung ging und nicht darum, jede sich bietende Gelegenheit zu ergreifen, um einzelne Bilder zu verkaufen.

In gleichem Tenor schrieb sie am 18.10.1933 an den Direktor der Kunsthalle Zürich Wartmann. Inzwischen war ihr klar geworden, dass sie nie wieder Verhältnisse haben wird, die es ihr gestatten, alle Bilder wieder um sich zu haben. Offenherzig teilte sie mit, dass die Kunstwerke „vorerst in der Schweiz bleiben“. Sie fragte Wartmann nach der Möglichkeit einer Folgeausstellung in seinem Hause und äußerte – anders als gegenüber dem Rechtsanwalt Hoch – die Bereitschaft, dem respektablen Zürcher Museum das eine oder andere Bild zu verkaufen.

Beweis: Schreiben von Thekla Hess vom 18.10.1933 an den Direktor des Zürcher Kunsthauses Wartmann

Das Kunstmuseum Basel zeigte kein Interesse, die Sammlung Hess in seinen Bestand zu übernehmen.

Beweis: Sitzungsprotokoll der Kunstkommission des Kunstmuseums Basel vom 23.10.1933

Zwischenergebnis 1933: Von der Sammlung <ca. 4.000 Werke> wurde kein einziges Kunstwerk verkauft, obwohl Hans Hess seit Juli 1933 ausschließlich ein minimales Einkommen hatte und auf sein Vermögen in Deutschland (Grundbesitz, Unternehmensbeteiligung, Kunstwerke) nicht zugreifen konnte. Für den Verbleib der künstlerisch wertvollsten Teile der Sammlung hatten Thekla und Hans Hess festgelegt, ihn vorerst in der Schweiz zu belassen.

III.

Situation 1934

Thekla Hess war froh, als sie erfuhr, dass es für die in der Schweiz befindlichen Sammlungsteile eine Ausstellungsmöglichkeit in der Kunsthalle Zürich geben würde. Sie stellte Ende November 1933 gegenüber Wartmann jedoch klar, dass sie keinesfalls mit ihrem Namen im Katalog erscheinen möchte.

Beweis: Schreiben von Thekla Hess vom 30.11.1933 (Poststempel) an den Direktor des Zürcher Kunsthauses Wartmann – s. o.

Im ersten Halbjahr 1934 liefen die Vorbereitungen für die Ausstellung in Zürich. Wartmann war nicht glücklich darüber, dass im Mai 1934 vier Bilder der Sammlung Hess aus Basel nach Erfurt geschickt wurden. Einige sollen vom Museum angekauft worden sein, andere lagen der Ankaufskommission des Museums vor. Thekla Hess war offensichtlich zwecks Abwicklung dieser Transaktion nach Erfurt gereist.

Beweis: Schreiben des Direktors des Zürcher Kunsthauses vom 29.05.1934 an Thekla Hess, Antwortschreiben vom 04.06.1934

Thekla und Hans Hess hatten nach wie vor kein bzw. ein minimales Einkommen. Kunstverkäufe zum Lebensunterhalt waren nun unausbleiblich geworden. Ihren Ambitionen folgend versuchten Mutter und Sohn zunächst, diese mit einem bedeutenden Museum, nämlich jenem in Erfurt, mit dem die Sammlung lange Jahre verbunden war, zu tätigen.

Am 07.06.1934 trafen vom Basler Kunstverein in elf Kisten (AH 1 bis 9, NG 170 und 178) 58 Gemälde, 34 Pastelle, Aquarelle, Zeichnungen und Holzschnitte sowie ein Gobelin und ein Glasgemälde im Kunsthaus Zürich ein – darunter auch das Gemälde von Ernst Ludwig Kirchner „Berliner Straßenszene“ 1913 mit der Bezeichnung „Strasse in Paris (Grosstadtstrasse)“.

Beweis: Eingangsnachricht des Zürcher Kunsthauses o. D. und Schreiben des Direktors der Züricher Kunsthalle vom 07.06.1934 nebst Liste vom 04.06.1934 an Thekla Hess

Offensichtlich sah Thekla Hess die Chance, für den Großteil der Sammlung in Zürich eine Heimstadt zu finden. Sie schrieb an Wartmann, dass es sie ganz besonders freue, „die Bilder in Ihrem schönen Kunsthaus zu wissen“.

Beweis: Schreiben von Thekla Hess vom 28.05.34 an den Direktor des

Zürcher Kunsthauses Wartmann

Deshalb gelangten auch fünf Rohlfs-Aquarelle, die bei einem Privatmann (Dr. A. Calfisch) in Zürich deponiert waren, und das nach Meinung von Thekla Hess schönste Rohlfs-Aquarell aus Paris von ihrem dorthin emigrierten Sohn Hans in das Zürcher Kunsthaus. Auch die in Basel verbliebenen sieben Werke von Lehmbruck sollten nach Theklas Wunsch endgültig in das Zürcher Kunsthaus kommen.

Im Hinblick auf Verkäufe von in Zürich befindlichen Kunstwerken schrieb Thekla Hess an Wartmann: „Natürlich würde ich gern ein oder das andere Bild an Museen u. Privat verkaufen, besonders wollte ich es begrüßen, wenn Sie für Ihr schönes Kunsthaus einiges erwerben würden ...“. Wegen der Preise ließe sie bei ernstem Kauf mit sich reden. Sie bat Wartmann „um den Namen einiger guter, sehr reeller Kunsthändler in Zürich, Luzern u. Bern, denen man evtl. auch etwas anvertrauen kann“. Insbesondere die großformatigen Gemälde von Heinrich Nauen mochte sie nicht weiter aufheben, da sie „nie wieder selbst so große Räume haben werde“.

Beweis: Schreiben von Thekla Hess vom 04. (s. o.) und 15.06.1934 an den Direktor des Zürcher Kunsthauses Wartmann

Vom 21.06. bis. 15.07.1934 führte das Kunsthaus Zürich die Ausstellung „Neue deutsche Malerei“ durch. 35 Ölgemälde und 10 Aquarelle der insgesamt ausgestellten 139 Werke stammten aus der Sammlung Hess. Als Nummer 71 wurde die „Berliner Straßenszene“ 1913 von Kirchner unter dem Titel „Großstadtstraße, Paris“ präsentiert. Die Zürcher Post berichtete am 30.06.1934 über die Ausstellung – so auch über das genannte Bild von Kirchner: „Das typischste Beispiel ist seine ‚Großstadtstraße‘ mit den flanierenden Herren und Damen, nach oben gesträubten länglichen Gestalten. Eine virtuose Malerei, die vielleicht nicht frei ist von verblüffenden Effekten. Merkwürdig der marionettenhafte Herr mit der Zigarette, von dem man nicht weiß, ob er kommt oder geht.“

Beweis: Katalog der Ausstellung „Neue deutsche Malerei“ im Zürcher Kunsthaus 21.06-15.07.1934, Zeitungsbericht über die Ausstellung vom 30.06.1934

Die Identität der „Großstadtstraße, Paris“ mit der „Berliner Straßenszene“ 1913 ist mithin eindeutig.

Der Ausstellungskatalog weist für die Mehrzahl der Bilder Preisangaben aus – so für sämtliche aus der Sammlung Hess, darunter für die „Großstadtstraße, Paris“ 2.500 SFr. Es entsteht der Eindruck, dass all die Hess-Werke zum Verkauf kommen sollten. Thekla Hess hatte die Preise selbst festgelegt (vgl. Dokument 04.09.1936). Allerdings hatte sie jedoch klar erklärt, dass sie „ein oder das andere Bild an Museen u. Privat verkaufen“ würde, insbesondere an das Zürcher Kunsthaus. Nur zwei Aquarelle der Sammlung wurden schließlich aus der Ausstellung heraus veräußert (Rohlfs Kat. Nr. 111, Schmidt-Rottluff Kat. Nr. 130).

Beweis: Verkaufsnachrichten des Zürcher Kunsthauses vom 24. und 28.07.1934 an Thekla Hess

Kurz nach der Eröffnung der Ausstellung machte übrigens Ernst Ludwig Kirchner den mit ihm befreundeten Frankfurter Kunstsammler Carl Hagemann auf die Präsentation von Werken aus der Sammlung Hess im Kunsthaus Zürich aufmerksam, die auch einige Bilder von ihm zeige.

Beweis: Brief von Ernst Ludwig Kirchner an Carl Hagemann vom 24.06.1934, in: Kirchner, Schmidt-Rottluff ...

Der ausgewiesene Liebhaber von Kirchner-Gemälden Carl Hagemann hatte ein Jahr zuvor aus der vom 05.03.-17.04.1933 durchgeführten Kirchner-Ausstellung in Bern zwei Bilder des Künstlers gekauft. Für einen deutschen Sammler war es jedoch angesichts der geltenden Regelungsvorschriften nicht problemlos möglich, mit Devisen Kunst im Ausland zu erwerben. Unter Umgehung der deutschen Devisenbestimmungen zahlte Hagemann nicht in Schweitzer Franken, sondern richtete für Erika Kirchner ein Konto in Deutschland ein, über das er das Kaufgeld sukzessive in Raten abstotterte.

Beweis: Briefe von Ernst Ludwig Kirchner an Carl Hagemann vom 28.und 31.03.1933 (hier Fußnote 5), in: Kirchner, Schmidt- Rottluff ...

Bereits während der Zürcher Ausstellung, fragte Thekla Hess am 05.07.1934 beim Direktor des Kunsthauses sorgenvoll an, ob es möglich sei, dass er einige Werke aus der Sammlung in Zürich behalten könne. Offensichtlich bejahte Wartmann. Alle dort befindlichen Werke blieben im Kunsthaus, weitere gelangten nach dort.

Zwischenergebnis 1934: Der Großteil der in Basel befindlichen Sammlung wurde vom Kunsthaus Zürich übernommen und dort auch nach der Ausstellung deponiert. Thekla Hess bemühte sich, weitere Kunstwerke aus Deutschland (z. B. aus dem Kronprinzenpalais in Berlin und aus Lichtenfels) in die Zürcher Kunsthalle zu verlagern, weil sie dort in Sicherheit waren und kein Druck für eine endgültige Entscheidung bestand.

Wenngleich ohne Schulden bzw. Verbindlichkeiten Dritter erforderten es die Lebensumstände (weitgehende Einkommenslosigkeit von Mutter und Sohn), nunmehr Bilder zu verkaufen, nachweislich zumindest zwei Aquarelle aus der Zürcher Ausstellung an Privatleute.

IV.

Situation 1935/36

Anfang Februar 1935 erfuhr Thekla Hess offensichtlich, dass der Kölnische Kunstverein (nachfolgend KKV) im gleichen Monat eine Nolde-Ausstellung durchführt. Sie bat Direktor Wartmann, mit sofortiger Eilsendung zwei Nolde-Werke und eines von Kokoschka nach Köln zu schicken. Der Verein wäre bereit, die entstehenden Kosten zu tragen. Die beiden Nolde-Bilder wurden aus der Ausstellung heraus mutmaßlich verkauft.

Beweis: Korrespondenz Thekla Hess – Zürcher Kunsthaus vom 04., 05. und 08.02.1935

Einen Monat später fasste Thekla Hess den Entschluss, den Berliner Kunsthändler Justin Thannhauser, mit dem sie und ihr Ehemann langjährig verbunden waren, mit Kunstverkäufen zu beauftragen. Am 23.02.1935 erhielt Thannhauser den Besuch des Stuttgarter Kunstsammlers und Liebhabers insbesondere von Werken der Klassischen Moderne Hugo Borst und bot ihm auf der Grundlage von Fotos Bilder aus der Sammlung Hess an. Taggleich informierte Thannhauser Borst über die Preisvorstellungen der Besitzerin.

Beweis: Kundenkarteikarte der Galerie Thannhauser zu Hugo Borst, Stuttgart – Besuch am 23.03.1935, Notiz über Brief vom 23.03.

Am 05.04.1935 bat Thekla Hess den Direktor der Zürcher Kunsthalle Wartmann, von den bei ihm befindlichen Kunstwerken acht Ölgemälde und ein Aquarell an den Kunsthändler Thannhauser in Berlin in Kommission zu übergeben – darunter drei Ölbilder von Marc, eines von Feininger und eines von Kirchner.

Beweis: Schreiben von Thekla Hess vom 05.04.1935 an den Direktor des Zürcher Kunsthauses Wartmann

Anfang Juni 1935 besichtigte Direktor Max Lütze aus Berlin-Zehlendorf die Bilder bei Thannhauser.

Beweis: Kundenkarteikarte der Galerie Thannhauser zu Max Lütze, Berlin – Besuch am 07.06.1935

Lütze erwarb später von den bei Thannhauser angebotenen Kunstwerken ein Gemälde von Marc.

Ende August 1935 ersuchte Thekla Hess das Kunsthaus Zürich, vier ihrer Bilder nach Erfurt zu versenden. Sie legte großen Wert darauf, dass das Kunsthaus ausdrücklich bescheinigen möge, dass es sich um Leihgaben für eine Ausstellung gehandelt hatte, die nunmehr nach Deutschland zurückkehrten. Dadurch konnte der Verdacht einer Vermögensverbringung ins Ausland ausgeschlossen werden.

Beweis: Korrespondenz Thekla Hess – Zürcher Kunsthaus vom 31.08.1935 und 07.09.1935

Das Zürcher Kunsthaus kam ihrer Bitte nach. Die vier nach Erfurt übersandten Kunstwerke, von denen zwei später ins Exil gerettet werden konnten, bot auch Thannhauser zum Verkauf an, so dem Direktor Max Lütze und dem Berliner Kunsthändler Nierendorf.

Beweis: Kundenkarteikarte der Galerie Thannhauser zu Max Lütze, Berlin – Information vom 25.09.1935;

Kundenkarteikarte der Galerie Thannhauser zur Galerie Nierendorf – Information vom 12.10.1935

Die hochkarätigen Thannhauser-Angebote aus der Sammlung Hess waren den Liebhabern von Kirchner-Gemälden ganz offensichtlich nicht verborgen geblieben. Auch der ehemalige, 1933 zurückgetretene Leiter des Folkwang-Museums und privat tätige Kunstberater/-makler Ernst Gosebruch hatte von ihnen erfahren. Er schrieb am 11.02.1936 an den Sammler Carl Hagemann, den er bereits seit 1912 beriet: „Denken Sie, in der Galerie Thannhauser hier waren - sind zum Teil auch noch - die Bilder der Sammlung Hess aus Erfurt zu verkaufen“. Am 04.03.1936 tauchte der Jurist, Kunstsammler und Amateur-Graphiker Arnold Budczies bei Thannhauser auf. Er war von Gosebruch auf die dortigen Bilder der Sammlung Hess hingewiesen worden. Budczies interessierte sich ausschließlich für Kirchner-Gemälde. Thannhauser bot ihm nach Fotos bzw. Bildern sechs von ihnen an – darunter für 3.500 RM eines mit dem Titel „Potsdamer Platz“ – und notierte: „ Er weiß dass die Bilder Frau Hess gehören“. Einige Wochen später, am 26.04.1936, berichtete Budczies seinem Sammler-Kollegen Carl Hagemann: „in der Gal. Thannhauser sah ich 2 gr. Bilder aus d. Slg. Hess: a) das Gutshaus auf Fehmarn (Staberhof) ... b) Die Frau in d. Hängematte ... Der Verkäufer bei Thannhauser war so naiv, mir zu sagen, die Preise seien vordem niedriger angesetzt gewesen, jetzt aber mit Rücksicht darauf in die Höhe gesetzt, dass inzwischen ein anderes aus gleichem Besitz stammendes Kirchner-Bild verkauft worden sei (an Lange in Krefeld)“.

Beweis: Brief von Ernst Gosebruch an Carl Hagemann vom 11.02.1936; Brief von Arnold Budczies an Carl Hagemann vom 26.04.1936, in: Kirchner, Schmidt- Rottluff ...

Kundenkarteikarte der Galerie Thannhauser zu Arnold Budczies, Berlin – Besuch am 04.03.1936

Auch über andere „sehr gute Bilder“ von Kirchner tauschten sich die Sammler Budczies und Hagemann aus – z. B. am 26.04.1936, als Budczies von der Erwerbsmöglichkeit einer Straßenszene „Zwei Frauen auf der Straße“ 1914, von ihm als „Zwei Kokotten auf der Straße“ bezeichnet, berichtete und sie als „ein sehr gutes Bild, früher im Besitz von Westheim“ bezeichnete. Interessant ist sowohl die Preisangabe – 2.000 RM – als auch die Erwartung von Budczies, das Gemälde könne „jetzt beträchtlich billiger zu haben sein“.

Beweis: Brief von Arnold Budczies an Carl Hagemann vom 26.04.1936, in: Kirchner, Schmidt- Rottluff ... – s. o.

Budczies‘ Vermutung gründete offensichtlich darauf, dass das Gemälde aus dem Besitz des jüdischen Kunstpublizisten und -schriftstellers Paul Westheim stammte. Westheim, seit 1917 bis zur Einstellung durch die Nazis 1933 Herausgeber der insbesondere der Modernen Kunst verpflichteten Monatsschrift „Das Kunstblatt“, wurde unmittelbar nach Hitlers Machtergreifung als „Kulturbolschewist“ direkt angegriffen. Er floh im August 1933 unter Zurücklassung seiner Kunstsammlung nach Paris.

 

Am 16.08.1936 bat Thekla Hess den Direktor der Zürcher Kunsthalle Wartmann, „der Kölner Kunsthalle zur grossen Marc-Gedächtnis Ausstellung, die Anfg. Sept. eröffnet werden soll, ... meine dort stehenden Marc-Bilder ... zu senden. Außerdem 4-5 Kirchner-Bilder ... und 1 Macke Pastell“. Die Kosten übernehme der KKV, der sich sehr freue, diese schönen Bilder „geliehen zu bekommen“. Thekla Hess jedoch freute sich über diese Transaktion ganz und gar nicht. Sie „genehmigt“ sie nur „sehr ungern“.

Beweis: Schreiben von Thekla Hess vom 16.08.1936 an den Direktor des Zürcher Kunsthauses Wartmann

Wartmann spedierte die Bilder am 04.09.1936 an die Versandfirma Bronner in Basel für den KKV. Unter ihnen befand sich die „Berliner Straßenszene“ – hier mit dem Titel „Potsdamerplatz“ bzw. „Grosstadtstrasse“, ausgewiesen mit einem Versicherungswert in Höhe von 3.000 SFr.

Beweis: Schreiben des Direktors des Zürcher Kunsthauses vom 04.09.1936 nebst Liste

Die Sendung dürfte im September im KKV angekommen sein. Die für Köln geplante Marc-Gedächtnisausstellung wurde durch die Reichskammer der bildenden Künste nicht genehmigt und dadurch faktisch verboten. Bereits zuvor war es bei der Marc-Ausstellung in Berlin (03.05. bis 19.08.1936) zu Störungen seitens der Gestapo gekommen. Ein Verbot unterblieb dort offensichtlich wegen der Olympischen Spiele (01. bis 16.08.1936), während derer die politische Liberalität des NS-Regimes auch auf dem Kunstsektor vorgegaukelt werden sollte.

Dass beim Kölnischen Kunstverein u. a. einige hochkarätige Gemälde von Ernst Ludwig Kirchner angekommen waren und der KKV – ebenso wie Thannhauser in Berlin – zu Verkäufen befugt war, hatte sich insbesondere in den einschlägigen Sammlerkreisen wie ein Lauffeuer herumgesprochen. Carl Hagemann berichtete offensichtlich darüber auch Ernst Ludwig Kirchner, der weitere Informationen zu den Bildern erbat. Kirchner antwortete Hagemann am 30.10.1936: ... von den 3 Bildern, von denen Sie schreiben war das Straßenbild 90x120 ... Es ist grün in der Hauptsache, große Figuren schreitend. Die Bezeichnung ist falsch, es ist nicht der Potsdamerplatz, den hat Lange Krefeld“. Auch Arnold Budczies wusste davon, dass der KKV Kirchner-Bilder anbot. Am 15.12.1936 fragte er Hagemann, „wie es mit den 4 Bildern des KKV steht. Kennen Sie die und was stellen sie dar? Wie ist der Preis?“. Über die Herkunft der Bilder vermutete Kirchner: „Wahrscheinlich gehören die Bilder jüd. Leuten, die wegmüssen ...“. Damit hatte er absolut Recht – und Gosebruch, Budzcies und Hagemann waren auch aufgrund der Informationen von Thannhauser darüber im Bilde.

Beweis: Brief von Ernst Ludwig Kirchner an Carl Hagemann vom 30.10.1936, Brief von Arnold Budczies an Carl Hagemann vom 15.12.1936, in: Kirchner, Schmidt- Rottluff ...

Im Nachgang zu der Kölner Sendung hatte der Direktor der Zürcher Kunsthalle dafür gesorgt, dass die in Zürich verbliebenen Kunstwerke der Sammlung Hess für ein weiteres Jahr sicher und zollfrei bei ihm lagern konnten. Allerdings war in seinem Hause eine kostenlose Aufbewahrung nicht mehr möglich. Er musste per 01.10.1936 die übliche Gebühr für Verwahrung und Versicherung für die verblieben 40 Gemälde, 13 gerahmten und 19 ungerahmten Aquarelle und Zeichnungen, den Gobelin und das Glasgemälde in Höhe von 144 SFr erheben. Mit Datum vom 23.09.1936 teilte er dies Thekla Hess mit. Sie antwortete ihm wenige Tage später und äußerte zunächst ihre Freude darüber, „die Bilder weiter so gut aufbewahrt zu wissen“. Die Gebühr für Verwahrung und Versicherung würde sie, ginge es allein nach ihr, gern zahlen, „da Sie aber wissen, welche Schwierigkeiten die ‚Behörden‘ heute mit ‚Devisen-Zahlungen‘ machen, so wird das nicht so einfach sein, ich muß eidesstattlich versichern, dass ich nichts zahle für Aufbewahrung“. Thekla Hess teilte mit, dass sie nach ihrer Rückkehr nach Deutschland Anfang November 1936 „mit der Devisenstelle und den vielen sonstigen dazu gehörigen Behörden“ darüber verhandeln wollte.

Beweis: Korrespondenz Thekla Hess – Zürcher Kunsthaus vom 23.09. und 30.09.1936

Bisher war es gelungen, die in der Schweiz befindlichen Kunstwerke als Ausstellungsleihgaben erscheinen zu lassen. Jederzeit konnten die deutschen Behörden davon erfahren, dass sich die ursprünglich für Ausstellungen (1933 Basel, 1934 Zürich) übersandten Leihgaben spätestens seit Ausstellungsende in Zürich (wegen Verlängerung erst im August 1934) nicht mehr als Ausstellungsstücke in dortiger Verwahrung befanden. Thekla Hess drohte seitdem jederzeit der Vorwurf, sie habe ihren Besitz unter Verletzung der Steuer- und Devisenbestimmungen ins Ausland verbracht oder zumindest dort belassen, um ihn vor dem Zugriff deutscher Stellen zu sichern. Ihr Schreiben vom 23.09.1936 belegt, dass sie den deutschen Stellen, die für Devisen zuständig waren, bereits eidesstattlich versichert hatte, dass für die in der Schweiz aufbewahrten Kunstwerke keine Devisen gezahlt werden. Somit hatten deutsche Behörden schon vor September 1936 positive Kenntnis über den Verbleib von Kunstwerken der Sammlung Hess in der Schweiz. Anfang November 1936 soll Thekla Hess mit der deutschen Devisenstelle über den Verbleib ihrer in der Schweiz deponierten Bilder und die Klärung devisenrechtlicher Zahlungen verhandelt haben. Dies ergibt sich aus dem Hess-Schreiben vom 23.09.1936. Aus diesen von Thekla Hess geschilderten Umständen ist ableitbar, dass sie von deutschen Stellen aufgefordert wurde, ihre nicht mehr für Ausstellungszwecke in der Schweiz benötigten Kunstwerke wieder in das Deutsche Reich zurückzubringen. Anderenfalls drohten ihr die Repressionsmaßnahmen des NS-Regimes, die für sie und ihre Familienmitglieder eine höchste Gefährdung bedeuteten.

Vergleichbare Schicksale anderer jüdischer Kunstsammler in der NS-Zeit sind bereits dokumentiert.

So hatte der Düsseldorfer Kunstsammler und -händler Walter Westfeld Mitte der 30er Jahre in Vorbereitung auf seine Auswanderung einige seiner Kunstwerke nach Paris verbracht. Den NS-Behörden blieb dies nicht verborgen. Sie verhafteten Westfeld unter dem Vorwurf der Devisenschiebung und verurteilten ihn zu Gefängnis und einer hohen Geldstrafe, zu deren Begleichung seine gesamte Kunstsammlung zwangsversteigert wurde. Nach Verbüßung der Strafe wurde Westfeld deportiert, weil seine Freilassung „den Bestand und die Sicherheit des Volkes und Staates“ gefährde. Westfeld starb im Konzentrationslager Auschwitz.

Dem jüdischen Industriellen und Kunstsammler Carl Sachs aus Breslau war es gelungen, vor seiner Auswanderung 22 Kunstwerke seiner hochkarätigen Sammlung französischer Impressionisten zu Ausstellungszwecken in die Schweiz zu bringen. 1939 wanderte Sachs mit nur 10 RM in der Tasche dorthin aus und bestritt seinen Lebensunterhalt durch Bilderverkäufe. Ein Jahr später verlangte das Reichswirtschaftsministerium die Rückführung der Bilder und vereinnahmte als „Ausgleich“ alle in Deutschland verbliebenen Vermögenswerte.

Beweis: Schnabel/Tatzkow, Nazi Looted Art. Handbuch Kunstrestitution weltweit, Berlin 2007, S. 476 ff., Tatzkow/Hinz, Bürger, Opfer und die historische Gerechtigkeit. Das Schicksal jüdi-scher Kunstsammler in Breslau, in: Osteuropa, Heft 1-2 Jan.-Feb. 2006, 155 ff.

Auch im Falle von Thekla und Hans Hess konnten „die Behörden“ jederzeit davon erfahren, dass es sich nicht mehr um Leihgaben bzw. sog. Rückware handelte, sondern um Vermögenswerte aus jüdischem Besitz, die unter Verletzung der Devisenbestimmungen im Ausland belassen und dort auch noch nach Ausstellungsende (Aug. 1934) deponiert waren. Es ist naheliegend, dass Thekla Hess in dieser Zeit von Vertretern „der Behörde“ aufgesucht und unter Androhung der Verhaftung als „Devisenschieberin“ gezwungen wurde, den Rücktransport der in Zürich befindlichen Kunstwerke zu veranlassen.

Beweis: Entschädigunsverfahren Hans Hess: Schilderung des Verfolgungsvorganges durch RA Graf von Pückler (s. Blatt M 15), eidesstattliche Erklärung von Thekla Hess vom 15.04.1958

Zwischenergebnis 1935/36: Thekla Hess bewegte sich nach wie vor zwischen Nazi-Deutschland und dem Ausland hin und her. Sie konnte sich offensichtlich nicht entscheiden, ihre Familenangehörigen, insbesondere ihre Mutter, in Lichtenfels sich selbst zu überlasen und ins Exil zu gehen.

Ihr Sohn Hans, der Erbe der Sammlung, war inzwischen von Paris nach London übergesiedelt, wo er durch Gelegenheitsarbeiten weiterhin nur ein Minimaleinkommen erzielte.

Beide waren darauf angewiesen, für den Lebensunterhalt weitere Bilder zu verkaufen – so zunächst aus der Nolde-Ausstellung in Köln heraus. Es existiert kein einziger Belegt dafür, dass sie dies taten, um etwaige Forderungen Dritter aus den Jahren 1931/32 zu begleichen.

Mutter und Sohn entschieden sich, elf Kunstwerke zu dem Kunsthändler Thannhauser in Berlin in Kommission zu geben. Eine Sendung von acht Bildern – darunter die „Berliner Straßenszene“ von Kirchner – ging „sehr ungern“ an den KKV. Es handelte sich, wie Kirchner richtig vermutete, um Bilder von „jüdischen Leuten, die weg mußten“.

Seit den Nürnberger Gesetzen waren Thekla Hess und ihr Sohn auch gesetzlich als Juden gebrandmarkt. Sie besaßen eine Sammlung von „Verfallskunst“, die sich zum Teil im Ausland befand. Unter Wahrung des Anscheins der Leihgabe zu Ausstellungszwecken beorderte Thekla Hess Kunstwerke nach Nazi-Deutschland zurück, um dem Vorwurf der „Devisenschiebung“ zu entgehen.

Ein Teil der Sammlung befand sich nach wie vor in der Zürcher Kunsthalle. Als diese Verwahrgebühren in Devisen verlangte, drohte Thekla Hess die unmittelbare Gefahr, als Vermögensverschieberin in das Visier der NS-Behörden zu geraten und verhaftet zu werden.

V.

Situation 1937

Sollte es im KKV eine einmalige Erwerbschance zu niedrigen Preisen geben? Der Frankfurter Oberbürgermeister plädierte bereits Ende 1936 für die Ausnutzung der durch die Abwanderungen jüdischer Kunstsammler überaus günstigen Ankaufsmöglichkeiten.

Beweis: Monica Kingreen, Raubzüge einer Stadtverwaltung. Frankfurt am Main und die Aneignung „jüdischen Besitzes“, in: „Bürokratien“. Initiative und Effizienz, Beiträge zur Geschichte des Nationalsozialismus, Bd. 17, Berlin 2001, S. 21

Ob der Frankfurter Sammler Carl Hagemann diese Auffassung seines Oberbürgermeisters teilte, ist unbekannt. Er tauchte jedenfalls zu einem Besuch in Köln auf, mutmaßlich um die Weihnachtszeit 1936, als er regelmäßig von Frankfurt zu seiner Familie nach Essen fuhr. Hagemann nutzte die Möglichkeit und erwarb die „Straßenszene“ offensichtlich von dem Direktor des KKV Dr. Walter Klug, der in seiner Doppelfunktion als KKV-Geschäftsführer und Kunsthändler mit eigenen Räumen im KKV tätig war. Der Verkauf durch Klug ist ableitbar aus einem Schreiben von Gosebruch an Hagemann vom 16.01.1939, in dem dieser nochmals „die Sammlung Hess in Erfurt“ in Erinnerung rief, „aus der ja schon Ihr wundervolles Straßenbild Kirchner’s stammt“ und Gosebruch aber von weiteren Käufen derzeit abriet, weil der „geschwätzige Herr Klug es sich wohl nicht nehmen lassen würde, urbi et orbi mitzuteilen, dass Herr Dr. H. in Frankfurt wieder gekauft hat“.

Aus dieser Korrespondenz ist ableitbar, dass Hagemann das Kirchner-Gemälde nicht direkt von Thekla Hess erwarb, weil er sich über dessen Herkunft erst bei Kirchner – nachträglich – Informationen einholte. Die Korrespondenz von Budczies und Gosebruch lässt den Schluss zu, dass Hagemann das Kirchner-Gemälde auf einer seiner Fahrten von Frankfurt nach Essen  über Köln  Ende 1936 besichtigte und dort von Dr. Walter Klug, dieser möglicherweise handelnd für den KKV, erwarb. Eine Auflistung der Sammlung Hagemann nach dessen Tode zur Erfassung des Nachlassvermögens aus dem Jahre 1947 weist den Erwerb des Bildes im Jahre 1937 vom Kölnischen Kunstverein aus und gibt – ohne weitere Konkretisierung (z. B. im Hinblick auf die Währung) und im Unterschied zu anderen aufgelisteten Werken – einen „Wert“ von 3.000 an.

Beweis: Liste der Gemälde der Sammlung Hagemann vom 9.3.1947

Arnold Budczies, stets auch an hochklassigen Kirchner-Gemälden interessiert, erfuhr, dass Hagemann die „Berliner Straßenszene“ erworben hatte. Er schrieb dem Sammler am 25.03.1937: „Zu dem neuen K.-Bild gratuliere ich sehr. Sie haben gewiss viel Freude an dieser Erwerbung, freilich ist der Preis sehr hoch“.

Beweis: siehe 5. Kapitel: Rekonstruktion des Ankaufs der „Berliner Straßenszene“ von Kirchner durch den Schriftverkehr in: Kirchner, Schmidt-Rottluff, Nolde, Nay ... Briefe an den Sammler und Mäzen Carl Hagemann, Ostfildern-Ruit 2004

War die Rücksendung einiger Marc- und Kirchner-Gemälde aus Zürich an den KKV im Schreiben vom 16.08.1936 von Thekla Hess noch als Leihgabe zu Ausstellungszwecken „sehr ungern“ bezeichnet worden, erfolgte im März 1937 auf Anforderung von Thekla Hess der Rücktransport des größten Teils der noch dort eingelagerten Kunstwerke. Das Rücksendungsersuchen von Thekla Hess erfolgte zu einem Zeitpunkt, als im Oktober 1936 das Kunsthaus Zürich Thekla Hess versichert hatte, ihre Sammlung könne wohlverwahrt auch noch ein weiteres Jahr in Zürich verbleiben.

Beweis: Schreiben des Zürcher Kunsthauses vom 30.10.1936 an Thekla Hess

Deshalb kam das zweite Rücktransportersuchen von Thekla Hess im März 1937 für den Direktor des Kunsthauses Zürich überraschend, der dazu ausführte, „Thekla Hess verlangte plötzlich Ende 1936 Rücksendung der Bilder nach Deutschland. Es blieb mir nichts anderes übrig, als diesem als sehr dringlich geäußerten Wunsch Folge zu leisten, in der sicheren Annahme, dass diese wertvolle Sammlung wohl kaum den Krieg, jedenfalls nicht im Eigentum des Herrn Hess, überstehen würde.“

Beweis: Erklärung von Dr. Wartmann vom 20.09.1958

Zu dieser Zeit, nämlich im November 1936, fanden mutmaßlich die Verhandlungen mit den deutschen Behörden wegen der devisenrechtlichen Behandlung der Sammlung statt.

Beweis: Schreiben des Zürcher Kunsthauses vom 03.10.1936 an Thekla Hess

Diese Verhandlungen jedoch konnten nur zwei Resultate haben: entweder Rücktransport oder Verhaftung als „Devisenschieberin“. Thekla Hess hatte sich für den Rücktransport entschieden. Hans Hess bat den Direktor der Zürcher Kunsthalle, organisatorische Details nur über das Ausland zu erörtern und erklärte ihm: „Wie Sie wissen möchte ich nicht mit meiner Mutter wegen der verschiedenen Fragen nach Deutschland korrespondieren und bitte Sie deshalb um Geduld, bis meine Mutter wieder im Ausland ist“.

Beweis: Schreiben Hans Hess an das Zürcher Kunsthaus vom 31.03.1937

Am 18.03.1937 informierte der Direktor des Kunsthauses Thekla Hess: „Wir übersenden als Frachtgut unfrankiert in Kisten AH 1, 2, 5, 7, 9 an Bronner Basel 70 Werke, Nr. 1-70 d. beiliegenden Liste“. Bei der Spedition Bronner ordnete Wartmann an: „Durch diese Sendung sollen die Freipässe vollständig gelöscht werden“, obwohl der Rücktransport nicht alle in Zürich befindlichen Werke der Sammlung Hess umfasste. Mindestens 19 Werke waren im Kunsthaus verblieben. Weitere befanden sich in der Zürcher Galerie Aktuaryus, die dann auch in das Kunsthaus gelangten. Die Spuren für diese Bilder mussten verwischt werden, denn in Nazi-Deutschland durfte nicht bekannt werden, dass nicht alles zurückging. Deshalb fragte Thekla Hess wenig später in großer Sorge in Zürich an, ob zusammen mit der Kölner Sendung tatsächlich nur eine Liste der dorthin geschickten Bilder ging. Sie hoffte, dass die alleinige Originalliste ausschließlich an sie nach London gesandt worden war. Es durfte nichts davon ruchbar werden, dass Bilder im Kunsthaus in Zürich verblieben waren. Wartmann konnte ihr beruhigende Erklärungen geben.

Beweis: Korrespondenz Thekla Hess/Spedition Bronner – Zürcher Kunsthaus vom

18., 21. und 25.03.1937

Zwischenergebnis 1937: Der Frankfurter Sammler Carl Hagemann nutzte die Möglichkeit, beim KKV die „Berliner Straßenszene“ von Kirchner zu erwerben. Unbekannt ist bisher, zu welchem Preis er kaufte und was mit dem Kaufgeld geschah.

Thekla Hess hatte entschieden, einen Großteil der Sammlung nach Deutschland zurück zu beordern und durch die Löschung der Freipässe gleichzeitig die Spuren der in Zürich verbliebenen Bilder zu verwischen. Dadurch entging sie dem Vorwurf der Vermögensverschiebung.

VI.

Situation 1938 ff.

Das erste Halbjahr 1938 verbrachte Thekla Hess wiederum in Deutschland bzw. im Ausland. Ihre und ihres Sohnes Lebenssituation war nach wie vor äußerst angespannt. Nachweislich wurde zumindest ein Aquarell von Kokoschka in der Schweiz an den aus Deutschland nach St. Gallen emigrierten Kunsthändler Fritz Nathan verkauft.

Beweis: Korrespondenz Thekla Hess – Zürcher Kunsthaus vom 24., 26. und 31.08.1938

Als sich am 10/11.11.1938 die Judenverfolgung durch die sog. Reichskristallnacht lebensbedrohlich zuspitzte und der Bruder von Thekla Hess, Stefan Pauson, im Konzentrationslager Dachau inhaftiert wurde, bereitete Thekla die Emigration zu ihrem Sohn Hans nach London vor, die Anfang April 1939 gelang. Einige Kunstwerke konnte sie mit in das Exil nehmen.

Am 04.04.1939 – mit dem ersten Brief aus dem sicheren Ausland an Direktor Wartmann nach Zürich informierte Thekla Hess ihn über ihre Auswanderung. Sie dankte ihm für die „Freundlichkeiten, die Sie mir in dieser für mich so schweren Zeit erwiesen haben. Es ist mir besonders viel wert, diese schönen Sachen noch draußen zu haben, denn aus Deutschland habe ich gar nichts mehr gerettet - es ist mein ganzer Besitz, von dem ich leben muß“. Thekla fragte Wartmann, ob er jemanden wüsste, „der für das ein oder andere Aquarell noch Interesse hätte, um wenigstens etwas Frs zu erzielen“.

Beweis: Scheiben von Thekla Hess vom 04.04.1939 an den Direktor des Zürcher Kunsthauses Wartmann

Aus Deutschland konnte Thekla Hess, wie sie 1939 schrieb, nichts mehr retten – nicht die Kunstwerke, die sie in Lichtenfels zurücklassen musste, nicht jene, die bei dem Kunsthändler Thannhauser oder im KKV deponiert waren.

Unter deutschen Sammlern Moderner Kunst kursierte inzwischen die von diesen als „Kölner Liste“ bezeichnete Aufstellung der Bilder der Sammlung Hess. Budczies sah sie „mit Interesse durch“. Gleiches tat Gosebruch und schrieb an Hagemann: „Ich dachte gleich an die Sammlung Hess in Erfurt, aus der ja schon Ihr wundervolles Straßenbild Kirchners stammt, rief dann Heckel an, von dem ja auch eine Anzahl Bilder und Aquarelle auf der Liste steht. Sofort sagte er, dass das die Reste der Sammlung Hess sein müssten. Zufällig habe ich auch neulich bei Schmidt-Rottluff gehört, dass Frau Hess auswandern wolle“. Gosebruch zog den blasphemischen Schluss: „eine Sammlung moderner Kunst, die schnell verkauft werden soll, wird wohl in diesem Augenblick immer eine jüdische sein, deren Besitzer den Wanderstab ergreifen müssen“.

Beweis: Brief von Arnold Budczies an Carl Hagemann vom 14.02.1939, Brief von Ernst Gosebruch an Carl Hagemann vom 05.12.1938, in: Kirchner, Schmidt- Rottluff ...

Jüdische Sammler waren gezwungen „den Wanderstab“ zu ergreifen, ihre nicht jüdischen „Kollegen“ prüften sachverständig „mit Interesse“ das zurückgelassene Eigentum und versuchten, diese Kunstwerke zu erwerben.

Thekla Hess war in London mittellos. Sie bat Wartmann, in Zürich verbliebene Bilder und noch in Basel Lagerndes auf dem billigsten Wege nach London zu senden.

Beweis: Scheiben von Thekla Hess vom 04.04.1939 an den Direktor des Zürcher Kunsthauses Wartmann – s. o., Schreiben des Basler Kunstvereins vom 01.07.1939 an den Direktor des Zürcher Kunsthauses

Die Mehrzahl der Bilder, die nach Großbritannien gelangten, wurde im Museum Leicester deponiert, wo Hans Hess nach seiner Entlassung und einer kümmerlich entlohnten Arbeit in der Landwirtschaft seit Januar 1944 als Museumsmitarbeiter tätig war. Vom 05.-27.02.1944 führte das Museum eine Ausstellung von „Mid-European Art“ durch und präsentierte auch einige der geretteten Kunstwerke der Sammlung Hess.

Nach dem Zusammenbruch des NS-Regimes forschten Thekla und Hans Hess nach dem Verbleib von Kunstwerken in Deutschland – so auch beim KKV. Dieser antwortete am 10.03.1951, dass von den s. Zt. unter dem damaligen Direktor Walter Klug eingelagerten Bildern nur noch sechs zurückgegeben werden können. Thekla notierte auf diesem Antwortschreiben: „Was soll man darauf antworten?“.

Beweis: Schreiben des Kölnischen Kunstvereins vom 10.03.1951 an Thekla Hess

Thekla und Hans Hess hatten in der NS-Zeit eine Vielzahl von Kunstwerken, die sich im Deutschen Reich befanden, verloren - davon mindestens vierzig Gemälde.

Zwischenergebnis 1938 ff.: Thekla und Hans Hess mussten nach wie vor ihren Lebensunterhalt im Wesentlichen durch Bilderverkäufe bestreiten. Nach dem Pogrom im November 1938 floh Thekla Hess zu ihrem Sohn nach London. In der Schweiz befindliche Kunstwerke gelangten nach Großbritannien, auf die in Deutschland zurückgelassenen hatten Thekla und Hans Hess keinen Zugriff mehr. Nur ein Bruchteil dieser Bilder gelangte nach dem Zusammenbruch des NS-Regimes wieder in ihren Besitz.

Zusammenfassung 1932-1938 ff.:

  1. In Thüringen wurde die expressionistische Kunst, die auch Alfred und Thekla Hess sammelte, von nationalsozialistischen Bilderstürmern bereits seit 1930 verfolgt.

  2. Kunstverkäufe der Sammlung Alfred Hess im Zusammenhang mit den wirtschaftlichen Schwierigkeiten in den Jahren 1931/32 sind nicht nachweisbar.

  3. Nach dem Wegzug von Thekla und Hans Hess aus Erfurt im September/Oktober 1932 bemühten sich beide um die angemessene Unterbringung der Sammlung in einem in- oder ausländischen Museum.

  4. Der künstlerisch wertvollste Teil der Sammlung gelangte 1933 in das Kunstmuseum in Basel und ein Jahr später in die Zürcher Kunsthalle – deklariert als Leihgabe zu Ausstellungszwecken. Einige Werke – darunter die „Berliner Straßenszene“ von Ernst Ludwig Kirchner – wurden auf Ausstellungen 1933 und 1934 in diesen Museen präsentiert.

  5. Hans Hess floh im Juni 1933 vor den Nazis mittellos nach Paris, seine Mutter Thekla hielt sich in Deutschland und wiederholt im Ausland auf.

  6. Beide versuchten insbesondere zusammen mit dem Direktor der Zürcher Kunsthalle, die wegen der Verbringung der Bilder ins Ausland drohende Verfolgungsgefahr durch deutsche Stellen wegen Verstoßes gegen Steuer- und Devisenbestimmung abzuwenden.

  7. 1934 waren Thekla und Hans Hess erstmalig gezwungen, zur Bestreitung des Lebensunterhaltes nachweislich zwei Aquarelle zu verkaufen.

  8. In den darauf folgenden zwei Jahren ist Thekla Hess aufgrund ihrer und ihres Sohnes Lebenssituation zu weiteren Bilderverkäufen genötigt. Sie veranlasst, Kunstwerke an den Berliner Kunsthändler Thannhauser, an das Erfurter Museum und an den Kölnischen Kunstverein zu senden, von denen dann einige verkauft werden – darunter um die Jahreswende 1936/37 die „Berliner Straßenszene“ von Ernst Ludwig Kirchner. Die Höhe des Verkaufspreises ist ebenso wenig belegt wie der Verbleib des Kaufgeldes.

  9. Ende 1936 gerät Thekla Hess i. Z. m. Devisenforderungen der Zürcher Kunsthalle in das Visier der NS-Behörden, die sie mutmaßlich veranlassen, die in der Schweiz deponierten Kunstwerke nach Deutschland zurückzubeordern.

  10. 1937 erfolgt die Versendung eines Großteils der Kunstwerke zum KKV nach Köln, dessen Direktor Klug weitere Veräußerungen vornimmt.

  11. Nach dem Novemberpogrom flieht Thekla Hess Anfang April 1939 zu ihrem Sohn nach London und hat auf die in Deutschland verblieben Kunstwerke keinen Zugriff mehr. Es gehen mindestens 40 Gemälde im Deutschen Reich verloren.

VII.

Zur weiteren Provenienz des Kirchner-Gemäldes „Berliner Straßenszene“

Der Sammler Carl Hagemann, der die Berliner Straßenszene zur Jahreswende 1936/37 erwarb, starb am 20.11.1940. Nach seinem Tod überzeugte der damalige Direktor des Frankfurter Städel, Ernst Holzinger, die Erben Carl Hagemanns in Absprache mit Ernst Gosebruch, die Sammlung im Städel zu lagern, wo sie in den Auslagerungsstätten des Museums nahezu unbeschadet die NS-Zeit überdauerte. Als Dank dafür schenkte die Familie Hagemann 1948 das Bild an Holzinger. Diese Schenkung wurde damit begründet, dass Holzinger in der NS-Zeit „entartete“ Werke der Hagemann‘schen Sammlung gerettet hatte.

Dies waren jedoch nicht die alleinigen Aktivitäten des Städel Direktors bei der „Rettung deutschen Kulturgutes“. In seiner Funktion als „Sachverständiger zur Sicherung und Verwertung von deutschem Kulturgut aus jüdischem Besitz für Zwecke des Reiches“ beteiligte er sich tatkräftig an der Arisierung jüdischer Kunstsammlungen in Frankfurt am Main – so z. B. der Sammlungen von Oppenheim, Goldschmidt-Rothschild und Weinberg. Seit 1941 besichtigte er eine Vielzahl von Kunstwerken aus jüdischem Besitz und verhandelte mit Finanzämtern, Gerichtsvollziehern und Versteigerern. Auch im besetzten Frankreich hielt Holzinger nach Kunstwerken aus beschlagnahmtem jüdischen Eigentum Ausschau. Für diese Tätigkeit war er bis Kriegsende sogar vom Wehrdienst befreit.

Nach 1945 verblieb Holzinger im Amte und wurde sogar „Direktor der Museen von Großhessen“ als der er auch mit der Rückerstattung von Kunstwerken beschäftigt war, deren Aneignung er in der NS-Zeit betrieben hatte, woran er sich jedoch nun nicht mehr erinnerte. Dieses „Vergessen“ übertrug sich auch auf seinen Nachfolger, der die Verdienste Holzingers bei der „Arisierung“ der Sammlung Oppenheim 1998 mit den Worten würdigte: „Ein Retter, dem Dank gebührt“.

Beweis: Monica Kingreen, a. a. O., S. 33, 36 f., 41 f. – s. o.

Die „Berliner Straßenszene“ wurde nach 1945 mehrfach auf Ausstellungen präsentiert. Einzig 1948 war bei einer kaum über die Grenzen der Stadt bekannt gewordenen Präsentation angesichts des Ausstellungstitels „Sammlung Hagemann“ der damals aktuelle Besitzer erkennbar. Ansonsten wurde in den Katalogen regelmäßig „Privatbesitz“ angegeben – so auch in Luzern 1953 auf der Ausstellung „Meisterwerke deutscher Kunst des 20. Jahrhunderts“, als Thekla Hess das Bild mutmaßlich sah.

Beweis: Auszug des Katalogs der Ausstellung „Deutsche Kunst. Meisterwerke des 20. Jahrhunderts“ im Kunstmuseum Luzern, Schreiben Thekla Hess an Ferdinand Möller vom 03.09.1953

Auch in dem maßgeblichen Werkverzeichnis von Gordon ist das Gemälde ausschließlich als „Privatbesitz“ bezeichnet.

1980 verkaufte die Witwe Holzingers das Gemälde an das Brücke-Museum in Berlin für 1,9 Millionen DM.

4. Kapitel

Die zeitlich befristete „Rettung“ der Sammlung Hess in der Schweiz

I.

Vorbemerkung

In diversen Veröffentlichungen zum Kirchner-Fall der Hess-Sammlung wird unisono behauptet, „Thekla Hess habe 1933 die Sammlung in die Schweiz retten können“. Unaufgeklärt und bisher nicht erläutert worden ist, warum nur eine zeitlich befristete Übersendung der Sammlung in die Schweiz möglich und eine Rücksendung in das Deutsche Reich während der NS-Zeit erforderlich war. Die nachfolgenden rechtlichen Erläuterungen, basierend auf einem konkreten, das Kunsthaus Zürich von 1936 bis 1938 betreffenden Parallelfall, dokumentiert die tatsächliche und rechtliche Handhabung ausländischer Sammlungen in der Schweiz.

II.

Stichwortartige Zusammenfassung der nachfolgenden Tatsachenfeststellungen

  • Für die Ausfuhr von Kunstwerken aufgrund der verschärften Bestimmungen des Devisengesetzes war eine  Exportvalutaerklärung  erforderlich. Diese unterlagen nach den Bestimmungen über die Kapitalflucht im Devisengesetz einer Ausfuhrbesteuerung.

  • Die Ausfuhrverbots-/Besteuerungsregelungen des Devisengesetzes bzw. der sog. Reichsfluchtsteuer konnte nur  zeitlich befristet  durch die Übersendung der Kunstwerke als Leihgabe zu Ausstellungszwecken umgangen werden.

  • Bei endgültiger Einfuhr der Kunstsammlung in die Schweiz hätte Thekla Hess Einfuhrzoll in Schweizer Franken, d.h. Devisen, zahlen müssen.

  • Die Übersendung der Kunstsammlung konnte -abgaben- und steuerfrei- nur zeitlich befristet zu Ausstellungszwecken erfolgen.

  • Nach Schweizer Recht war die zoll- und abgabenfreie Lagerung von eingeführten Kunstwerken nur befristet während der Ausstellung mittels Freipass möglich. Der Ausstellungsmacher, vorliegend Baseler Kunstverein und Züricher Kunsthaus, hafteten als Schuldner für die Einhaltung der gesetzlichen Bestimmungen.

  • Nur ausnahmsweise konnten nach Ausstellungsende durch zeitlich befristete Einlagerung Verlängerungen des Freipasses bei den Schweizer Behörden erlangt werden.

  • Bei Verkäufen von Kunstwerken in der Schweiz wurde der zunächst gestundete Einfuhrzoll fällig und zahlbar in Schweizer Franken/Devisen.

  • Nach dem Devisengesetz des Deutschen Reiches, das fortlaufend ab 1933 verschärft wurde, ist bspw. in der 3. Durchführungsverordnung vom 01.12.1935 angeordnet worden, dass im Ausland befindliche Vermögenswerte der Abgabepflicht des Devisengesetzes unterliegen und bei Veräußerung der im Ausland befindlichen Vermögensgegenstände der Verkaufserlös anteilig zu versteuern ist.

III.

Endgültige Einfuhr - Einfuhrverbot

Wurden Kunstwerke in die Schweiz eingeführt, unterlagen sie der Besteuerung durch den schweizerischen Einfuhrzoll. Die Zollbeträge waren grundsätzlich bei Einfuhr in der Schweiz in Schweizer Franken vom einführenden Eigentümer zu entrichten. Für Personen aus dem Deutschen Reich, die keine ausreichenden Devisen/Schweizer Franken in der Schweiz hatten, um den Einfuhrzoll zu bezahlen, waren tatsächlich nicht in der Lage, einen solchen zu entrichten, weil nach den devisenrechtlichen Bestimmungen des Deutschen Reiches der Umtausch Reichsmark in Schweizer Franken genehmigt und reglementiert war. Offensichtlich wegen der sich im Deutschen Reich zuspitzenden wirtschaftlichen und politischen Verhältnisse wurden vermehrt Kunstwerke in die Schweiz vor 1933 transferiert. Ein signifikanter Anstieg in den Jahren 1931 und 1932 ist dokumentiert, der sich fortlaufend ab 1934 bis Kriegsende verringerte.

Beweis: Feststellungen UEK-Bericht „Fluchtgut-Raubgut“, S. 61, Tabelle S. 62, Hrsgb. Francini, Heuss, Kreis

Schon am 09.06.1933 hatte der Schweizer Kunsthändler Otto Derendinger aus Interlaken gegenüber dem schweizerischen Bundesrat beklagt, „wie lange eigentlich die katastrophale Einfuhr von Gemälden aus Deutschland und Österreich durch jüdische Händler …. noch andauern soll?“ Angeblich zum Schutz der schweizerischen Künstler und des einheimischen Kunstschaffens forderte Derendinger, den „Import von jüdischer Ramschware“ gesetzlich zu bekämpfen. Dies führte bereits am 23.04.1935 zu einem Bundesratsbeschluss, der den Import von ausländischen Gemälden einer gesetzlichen Einfuhrbeschränkung unterstellte und seitdem nur noch einzelne, staatlicherseits genehmigte Kunstwerke in die Schweiz eingeführt werden durften.

Beweis: wie zuvor, siehe auch Boumberger „Raubkunst, Kunst-raub“, S. 48 ff., 49

Ergebnis:

Wegen der strengen Schweizer Einfuhrgesetze bestand aufgrund der Notwendigkeit zur Zahlung des Einfuhrzolls in Schweizer Franken und seit April 1935 durch das allgemeine Einfuhrverbot von Kunstwerken nur noch ausnahmsweise die Möglichkeit, aus dem Deutschen Reich Kunstwerke in die Schweiz „zu retten“.

IV.

Zeitlich befristete Einfuhr für Ausstellungsprojekte

Regelmäßig war die einzige Möglichkeit, Kunstwerke aus dem Deutschen Reich in die Schweiz zu schaffen, die Übersendung an ein namhaftes Museum/Kunstverein oder Schweizer Kunsthändler zu Ausstellungszwecken, für das ein folgendes, genau zu beachtendes gesetzliches Procedere vorgeschrieben war:

  • Leihweise Überführung von Kunstwerken für Ausstellungszwecke an einen namentlich bezeichneten Ausstellungsmacher (im Regelfall Kunstvereine, Museen, Galerien)

  • Erteilung eines sog. Freipasses durch die Schweizer Behörden, dadurch i.d.R. „Zahlungsaufschub für die Zollentrichtung auf mindestens ein Jahr“.

  • Verpflichtung des Leihgebers zur Einlagerung der Kunstwerke als Pfand beim Leihnehmer, z.B. Museum

  • Bürgschaftserklärung des Leihnehmers/Museums in Höhe des Einfuhrzolles bei Verstoß gegen die Zollbestimmungen

Nach Ablauf der im Freipass genannten Frist war entweder, ausnahmsweise, die Verlängerung des Freipasses, d.h. zollfreie Lagerung beim Leihnehmer/Museum möglich oder es hatte

  • die Rückführung der Leihgegenstände ins Ausgangsland zu erfolgen oder

  • bei Weigerung der Rückführung der Kunstwerke musste der schweizerische Einfuhrzoll entrichtet werden.

Weigerte sich der Eigentümer, die Kunstwerke aus der Schweiz wieder auszuführen und entrichtete er stattdessen nicht den nunmehr gesetzlich anfallenden Einfuhrzoll, erfolgte die Inanspruchnahme des haftenden Leihnehmers/Museums durch die Zollbehörde, ggf. Versteigerung/Verwertung des dort befindlichen Kunstbesitzes zum Zwecke der Befriedigung der Steuerforderungen.

Beweis: Behandlung der 1936 überführten Kunstsammlung Eichenberger durch das Züricher Kunsthaus, Schreiben vom 29.01.1938

Ergebnis:

Die zollfreie Lagerung der Sammlung im Züricher Kunsthaus über das Ausstellungsende August 1934 hinaus war grundsätzlich mittels Freipass für i.d.R. ein Jahr möglich. Spätestens Ende 1935 hätte die Sammlung Hess wieder aus der Schweiz ausgeführt und zurück in das Deutsche Reich gebracht werden müssen, es sei denn, Thekla Hess hätte die bisher als leihweise Überlassung der Kunstsammlung zu Ausstellungszwecken titulierte Übersendung der Sammlung nunmehr als endgültige Überführung in die Schweiz deklariert und die dann unmittelbar entstehende und festzusetzende Einfuhrsteuer in Devisen/Schweizer Franken gezahlt.

Stattdessen ist durch das Bemühen des Kunsthauses Zürich es offensichtlich gegenüber den Schweizer Zollbehörden gelungen, bis Ende 1936 die leihweise und zollfreie Einlagerung der Sammlung Hess zu verlängern. Jedenfalls konnte Herr Dr. Wartmann, Direktor des Kunsthauses Zürich, schon Ende Oktober 1936 Thekla Hess mitteilen, dass auch ein weiteres Jahr die zollfreie Einlagerung und Verlängerung des Freipasses für die dortige Sammlung möglich sei. Von dieser weiter eingeräumten, zeitlich befristeten Rettungsmöglichkeit bis Ende 1937 hat Thekla Hess nicht Gebrauch gemacht und beginnend ab August 1936 bis März 1937 die Rücksendung maßgeblicher Teile der im Kunsthaus Zürich eingelagerten Hess-Sammlung an den KKV verlangt.

V.

Behandlung des Transfers von Kunstwerken aus dem Deutschen Reich ins Ausland

Aufgrund devisenrechtlicher Bestimmungen, die bereits dem Grunde nach Anfang der 30er Jahre in der Weimarer Republik erlassen und ab 30.01.1933 vom NS-Regime verschärft wurden, bedurfte die Verbringung von Kunstwerken aus dem Deutschen Reich in ein anderes Land einer staatlichen Genehmigung. Einzelheiten waren im Devisengesetz und dessen Durchführungsverordnungen, die fortlaufend ab 1933 verschärft wurden, geregelt. Im Falle der endgültigen Ausfuhr  nicht zu Leih- und Ausstellungszwecken vorübergehend  konnte die Ausfuhr verboten oder bei Genehmigung der Ausfuhr ein Ausfuhrzoll (Reichsfluchtsteuer) erhoben werden.

Besonders ab dem 30.01.1933 unterlagen Vermögensverschiebungen aus dem Deutschen Reich, insbesondere durch rassisch und politisch Verfolgte, der besonderen Aufmerksamkeit staatlicher Stellen, die versuchten, Vermögenstransfers ins sichere Ausland zu verhindern oder zumindest die gesetzlichen Ausfuhrabgaben geltend zu machen. Hätte Thekla Hess die Kunstsammlung durch Verbringung in die Schweiz „endgültig retten“ wollen, wäre sie gezwungen gewesen, diese als endgültiges Ausfuhrgut bei den deutschen Zollbehörden zu deklarieren und die Ausfuhr sich genehmigen zu lassen. Unterstellt, die Ausfuhr der Kunstsammlung wäre überhaupt genehmigt worden, hätte Thekla Hess die gesetzlich vorgesehene Steuer entrichten müssen gegenüber dem Deutschen Reich und bei Einfuhr in der Schweiz den Einfuhrzoll in Schweizer Franken/Devisen gegenüber der Schweizer Zollbehörde. Die Ausfuhr der Kunstsammlung aus dem Deutschen Reich und die Einfuhr in der Schweiz wären somit doppelt zu besteuern gewesen. Eine  zeitlich befristete  steuer- und abgabenfreie Ausfuhr in die Schweiz war nur in der Variante der leihweisen, zeitlich befristeten Übersendung zu Ausstellungszwecken möglich.

5. Kapitel

Rekonstruktion des Ankaufs der

-Berliner Straßenszene-

durch veröffentlichten Originalschriftverkehr mit

- Dr. Carl Hagemann (09.04.1867-20.11.1940)

Erwerber der „Berliner Straßenszene“ Chemiker, Inhaber mehrerer Patente zu Farbstoffen, seit 1920 Leiter der Farbwerke Leopold Cassella und Co. in Mainz; Übernahme der Firma 1925 durch die IG Farbenindustrie AG, Hagemann Vorstand der IG Farben bis zur Beendigung der Berufstätigkeit im Dezember 1931, Beendigung der hauptberuflichen Tätigkeit. 20.11.1940 tödlicher Straßenbahnunfall in Frankfurt.

- Ernst Ludwig Kirchner (1880 -15.06.1938)

1932 letztmaliger Aufenthalt im Deutschen Reich, danach in der Schweiz, Davos. Selbstmord durch Erschießen

- Ernst Gosebruch (1872-1953)

Privater Kunstberater Hagemanns, Direktor des Kunstmuseums Essen von 1906 bis 1921, Bekanntschaft mit Hagemann, Beratung bei Kunstankäufen, Museum Folkwang von 1922 bis 1933, Entlassung durch das NS-Regime, Übersiedlung nach Berlin, Berater Hagemanns beim Ankauf von Kunstwerken und Förderung von Künstlern, Tätigkeit als „privater Kunsthändler“ mit Provisionsanspruch bei An- und Verkäufen für Dritte.

- Arnold Budczies (1866 bis 1943)

Jurist, privater Kunstsammler, u.a. spezialisiert auf herausragende Meisterwerke u.a. von E.L. Kirchner

- Guido Dinkgraeve (1906 bis 1943)

Kunsthistoriker, u.a. Bewunderer der Werke von Kirchner und privat offensichtlich seit 1938 von Hagemann beauftragt, eine private Schätzungsliste der Sammlung Hagemann zu erstellen

________________________________________________

Kirchner an Hagemann am 30.10.1936:

Von den drei Bildern, von denen Sie schreiben, war das Straßenbild 90 x 120 … Das Straßenbild wird wohl das sein, was auch hier ausgestellt war in Zürich …. Wahrscheinlich gehören die Bilder jüd. Leuten, die weg müssen.“

__________________________________________________

I.

Leitsätze

- Kirchner-Ölgemälde aus der Vorkriegszeit (vor 1914) wurden am deutschen Kunstmarkt ab 1933 nur noch vereinzelt angeboten.

- Ankäufe vom in der Schweiz residierenden Kirchner waren wegen devisenrechtlicher Bestimmungen für Bürger des Deutschen Reiches nahezu ausgeschlossen.

- Mindestens drei namentlich identifizierte private deutsche Kunstsammler waren bereit, für „Meisterwerke“ von Kirchner angemessene verkehrsübliche Kaufpreise zu zahlen, wenn eine Ankaufsmöglichkeit bestand.

- Der Verkauf der „Berliner Straßenszene“ ist offensichtlich über den Geschäftsführer des KKV, Dr. Walter Klug, möglicherweise von diesem als Geschäftsführer des KKV oder als im KKV residierender Kunsthändler mutmaßlich zwischen dem 15.12.1936 und 07.02.1937 erfolgt.

- Die mehrfachen schriftlichen Anfragen Hagemanns an Kirchner zur Provenienz des Bildes (Entstehungszeit und Vorbesitzer) belegen, dass Hagemann keinen persönlichen Kontakt zu Thekla oder Hans Hess hatte.

- Aus den mehrfachen schriftlichen Anfragen von Hagemann gegenüber Kirchner zur Qualität und dem Vorbesitzer im Zeitraum zwischen dem 30.10.1936 und 05.03.1937 ist belegt:

* Hagemann wusste seit dem Schreiben vom 30.10.1936, dass das „Straßenbild“ „jüdischen Leuten gehört, die weg müssen“.

* In keinem einzigen Brief wird die Höhe des Kaufpreises des Gemäldes „Berliner Straßenszene“ genannt. Dies ergibt sich auch nicht mittelbar aus Äußerungen der am Schriftverkehr Beteiligten. Lediglich der passionierte Kirchner-Sammler Budczies, insoweit „Erwerbskonkurrent“ von Hagemann, konstatiert nach Gratulation zu dem Gemälde „freilich ist der Preis sehr hoch“.

II.

Zusammengefasste Feststellungen - Erkenntnisse aus dem

Originalschriftverkehr

Ab 1933 finden im Deutschen Reich keine Ausstellungen von Werken Kirchners mehr statt, insbesondere auch keine Verkaufsausstellungen1. Die letzte Ausstellung vor dem Tode Kirchners, 15.06.1938, war die bereits 1932 geplante Berner Ausstellung von Werken Kirchners (15.03.-17.04.1933), auf der auch vier Leihgaben aus dem Besitz von Hagemann gezeigt wurden2. Dort erwarb er zwei weitere Gemälde Kirchners aus dessen Vorkriegsphase (vor 1914), die aber wegen der bereits 1933 bestehenden Devisenbeschränkungen nicht in der Schweiz angekauft werden konnten, sondern der Kaufpreis nur durch Ratenzahlungen auf ein im Deutschen Reich befindliches Sparkonto der Ehefrau von Kirchner durch Hagemann fortlaufend getilgt werden konnte3. Insbesondere Kirchner-Ölgemälde, die von diesem selbst als seine eigentlichen und wichtigsten Werke bezeichnet werden4, können im Deutschen Reich ab 1933 nur noch vereinzelt gekauft werden. Ankäufe aus der Schweiz von Kirchner sind aufgrund devisenrechtlicher Bestimmungen nahezu ausgeschlossen5. Trotz der Deklarierung von Werken als „entartet“ und Herausnahme aus dem öffentlichen Sammlungsbestand besteht in privaten Kunstkenner-/Sammlerkreisen weiterhin großes Interesse am Ankauf von herausragenden Kirchner-Werken. Zu dem kleinen, finanziell potenten Sammlerkreis von Kirchner-Gemälden zählen der Berliner Arnold Budczies, der Essener Industrielle Ernst Henke und der Krefelder Seidenfabrikant Hermann Lange (1874-1942)6. Nach dem erzwungenen Rücktritt von Ernst Gosebruch im November 1933 als Direktor des Folkwangmuseums siedelt dieser nach seiner „Zwangspensionierung“ ab Ende 1933 nach Berlin über7. Von dort aus berät er zahlreiche private Kunstsammler bei An- und Verkäufen von Kunstwerken, erzielt dabei durch seine Berater- und Vermittlertätigkeit einen Nebenverdienst und ist auch fortlaufend beratend und begutachtend für Hagemanns Sammlungserwerb tätig. Als im Frühjahr 1934 von der Galerie Nierendorf Hagemann mehrere Frühwerke Kirchners (von 1912 bis 1919) angeboten werden, äußert Gosebruch bei einer Galeriebesichtigung „nur allgemein den Wunsch, Bilder von Kirchner zu sehen“, ohne seine Beratertätigkeit für Hagemann zu offenbaren. Hinsichtlich weiterer Ankaufsaktivitäten rät Gosebruch, einen Schmidt-Rottluff zu erwerben „statt sich nach den grandiosen Beispielen des Kirchner’schen Frühstils, die vorm Jahr in Bern gekauft, mit Mittelmaß aus Nierendorfs Quelle zu belasten“8. Der Kunstexperte Gosebruch ist sich mit Hagemann, den Kirchner-Sammlern Budczies, Henke, Jung und Lange, aber auch dem Künstler Kirchner selbst, einig, dass „Kirchner in der Zeit vor dem Kriege der stärkste Genius der deutschen Kunst war“ und man es als Aufgabe ansehen sollte, eigentlich nur das Beste zu sammeln9. Beklagt wird von Gosebruch, aber auch dem Kirchner-Sammler Budczies, dass es schwierig sei, besonders gute Werke Kirchners zu erwerben, da wegen der Devisenbestimmungen ein Ankauf aus der Schweiz ausgeschlossen sei10. Somit bleibt nur der deutsche Kunstmarkt, der von Gosebruch für Hagemann und von anderen Kunstsammlern wie Budczies genauestens beobachtet wird, ob und zu welchen Bedingungen dort Meisterwerke von Kirchner auf den Markt gelangen.11 Als Hagemann in Frankfurt seine private Kirchner-Sammlung einem Oberlandesgerichtsrat und Sammler zeigte, äußerte Budczies im Brief an Hagemann beschwörend „Hoffentlich bestimmen die Eindrücke, die er von Ihrer schönen K.-Sammlung bekommen haben wird, ihn nicht, sich allzu sehr auf dieses Gebiet zu stürzen, möge er beim Lehmbruck bleiben.“12. Zwei Bilder aus der Sammlung Hess, die Anfang 1936 von der Galerie Thannhauser in Berlin für jeweils RM 2.300 angeboten werden, sich aber teilweise im schlechten Zustand befinden, werden als sehr schöne Artistenbilder und Landschaften eingeordnet. Budczies weist im April 1936 Hagemann auch auf ein Frühwerk Kirchners „Zwei Kokotten auf der Straße“ (gemeint sind „Zwei Frau auf der Straße“ 1914) und bezeichnet es als eines der Kirchner’schen „Straßenbilder, ein sehr gutes Bild“. Auch auf die besonders günstige Erwerbsmöglichkeit weist Budczies hin, indem er auf den Händler Valentin verweist und erläutert, dass das Gemälde aus dem Besitz von Westheim stammt und dass es deshalb jetzt beträchtlich billiger zu haben sei. Paul Westheim, jüdischer Kunstsammler, war unter Zurücklassung seiner Kunstsammlung 1933 aus Nazi-Deutschland geflohen. Seine Kunstsammlung wurde u.a. von deutschen Kunsthandelsfirmen arisiert.13 Vor Erwerb der „Berliner Straßenszene“ durch Hagemann erkundigt sich dieser bei Kirchner über das Gemälde. Am 30.10.1936 teilt Kirchner zu den drei von Hagemann beschriebenen Bildern mit, dass das „Straßenbild“ in Zürich ausgestellt war und die drei Bilder wahrscheinlichen jüdischen Leuten gehören, die weg müssen14. Am 15.12.1936 erkundigt sich Budczies bei Hagemann, um was für vier Bilder des Kölnischen Kunstvereins (nachfolgend KKV genannt) es sich handelt, was sie darstellen und wie hoch der Preis ist.15 Vor dem 07.02.1937 muss Hagemann auf der Durchreise von seinem Wohnhaus in Frankfurt kommend auf dem Weg zu seiner Familie in Essen (wo er das Weihnachtsfest verbrachte) im Kölner Kunstverein die Kirchner-Bilder besichtigt haben, wie sich aus einem Schreiben von Budczies an Hagemann vom 07.02.1937 ergibt16. Auch hier verweist Budczies wie schon bei der zuvor angebotenen Straßenszene „Vier Kokotten“ auf einen ermäßigten Preis, weil es sich bei Westheim wie bei Hess um jüdischen Besitz, der zu veräußern ist, handelt. Jedenfalls gratuliert Kirchner am 10.02.1937 Hagemann schriftlich, dass er sich freue, dass Hagemann das Straßenbild aus Köln gekauft hat17. Neun Tage später, am 19.02.1937 beantwortet Kirchner eine Anfrage von Hagemann zu den vormaligen Besitzern und teilte mit, dass die Gemälde in den letzten Jahren in der Schweiz ausgestellt und sehr gut kritisiert worden seien, besonders in Basel18. In einem weiteren Schreiben vom 27.02.1937 erkundigt sich Kirchner bei Hagemann, wie viel dieser für das „Straßenbild“ gezahlt habe19. Da seine Ölbilder das Wichtigste und Eigentliche seines Werkes seien und drüben (gemeint ist in den USA) gefragt und gehandelt werden und dort die Preise normal und nicht „im Preise herunter“ seien. Die Zurschaustellung der Kirchner-Bilder mögen Leute in Deutschland abgeschreckt haben, seine Werke zu kaufen, in anderen Ländern aber nicht, im Gegenteil. Am 05.03.1937 beantwortet Kirchner nochmals eine Anfrage an Hagemann zu der „Berliner Straßenszene“ und teilt mit, das Bild war bei Hess früher, 12 oder 13 Entstehungszeit und Kirchner meint, es könne Nachfrage nach seinen Bildern bestehen, aber wegen der Devisensperre sei es ihm nicht möglich, selbst Kunstwerke ins Deutsche Reich zu bringen20. Spätestens am 05.03.1937 befindet sich die „Berliner Straßenszene“ in dem Besitz von Hagemann in seinem Frankfurter Wohnhaus, wo Prof. Kurth die Gemälde sehr genau ansieht und das Kirchner’sche Straßenbild, das kürzlich erworben wurde, für „wundervoll“ befindet21. Am 25.03.1937 beglückwünscht Budczies Hagemann zu dem Kirchner-Bild und vermutet, dass er gewiss viel Freude an dieser Erwerbung haben werde, „freilich ist der Preis sehr hoch“ (es existiert kein Bezug nehmendes Schreiben von Hagemann oder einem sonstigen Dritten, aus dem sich ergibt, welchen Preis Budczies meint!)21a. Weitere Erwerbsversuche von Budczies, so im Juli 1937, andere Kirchner-Bilder in Hamburg zu erwerben, scheitern an der als mangelhaft befundenen Qualität. Budczies kommt zu der Feststellung „es kommt hier fast nichts an den Markt“22. Neue Ankaufmöglichkeiten nach dem Selbstmord von Kirchner am 15.06.1938 durch seine im Deutschen Reich weilende Ehefrau Erna Kirchner scheitern zum einen daran, dass diese -misstrauisch gegenüber deutschen Kunsthändlern- nicht bereit ist, weitere hochkarätige Kunstwerke aus dem in der Schweiz befindlichen Nachlass in das Deutsche Reich zu schaffen bzw. wegen der noch ausstehenden erbrechtlichen Regelung mit den Miterben der Markt nicht bedient werden kann. Kunstsammler wie Budczies lehnen einen offiziellen Erwerb wegen der Übertretung von Devisenbestimmungen grundsätzlich ab23. Hagemann lässt nach Neufassung seines Testamentes am 04.12.1937 seine Kunstwerke durch den Kunsthistoriker Dinkgräve in einer Schätzungsliste erfassen und weist ausdrücklich in seinen Bemerkungen zum Testament die Erben darauf hin, dass Künstler wie Kirchner rar geworden seien nach den Beschlagnahmen seiner Werke in den Museen und es nicht ausgeschlossen ist, dass in einigen Jahren nicht unerhebliche Preise gezahlt werden, insbesondere auch in Amerika24. Weitere Werke aus der Sammlung Hess werden über den KKV angeboten. Der Kunstsammler Budczies beklagt sich am 14.02.1939 bei Hagemann, die von Hagemann an Budczies übersandte „Kölner Liste“ habe er mit Interesse durchgesehen, „schade, dass man nichts kaufen kann“25. Zum Ankauf von Hess-Bildern, die sich im Besitz des KKV Ende 1938 befinden, rät Gosebruch gegenüber Hagemann am 05.12.1938, keinesfalls diese Bilder im Handel zu kaufen, insbesondere nicht über den besonders geschwätzigen Herrn Klug, da dieser bei einem erneuten Kauf durch Hagemann es sich wohl nicht nehmen lassen würde, „urbi et orbi“ mitzuteilen, dass Hagemann wieder ein Kunstwerk im KKV erworben hat26. Dr. Walter Klug, bis zu seinem offiziellen Ausscheiden am 31.12.1938 bereits 25 Jahre lang Geschäftsführer des KKV, wurden vom KKV zwei Verkaufsräume zur eigenen Nutzung zur Verfügung gestellt, in denen er neben seiner Geschäftsführertätigkeit für den KKV auch als Kunsthändler tätig sein konnte27. Eine Erlösvereinbarung sah die hälftige Teilung zwischen KKV und Klug vor28. Aus der Warnung von Gosebruch vom 15.12.1938 ergibt sich damit eindeutig, dass Hagemann von Klug die „Berliner Straßenszene“ erworben hat und dieser offensichtlich Dritten gegenüber „urbi et orbi“ ausposaunt hatte, dass Hagemann aus Frankfurt die „Berliner Straßenszene“ erworben hat. In seltener Offenheit hatte Gosebruch schon am 22.05.1936 gegenüber Hagemann zum Charakter von Klug ausgeführt, „Was Ihre Absicht anbetrifft, einen Teil Ihrer Sammlung aufzulösen -wäre da nicht ein geeigneter Vertrauensmann Herr Rudolf Probst ….. jedenfalls mit seiner hohen Bildung und seinem bewährten, anständigen Charakter, eine andere Persönlichkeit als Nierendorf, Klug und Consorten, die doch nichts als Händler sind“29.

III.

Chronologische Reihenfolge ab 1934

Zitiert werden Textauszüge, sodann das Datum des jeweiligen Briefes und die Nummer, unter der der Brief in dem Buch „Kirchner, Schmidt-Rottluff, Nolde, Nay ...“ von Delfs, von Lüttischau und Scotti, Hatje Cantz-Verlag, 2004, abgedruckt worden ist.

Bei Nierendorf habe ich die von Ihnen erwähnten Kirchner-Bilder nicht gesehen….. Es ist ja möglich, dass es sich um Bilder aus Privatbesitz handelt, die er anbietet, ohne dass sie in seinem Laden sind. Ich habe von Ihnen gar nichts gesprochen, nur ganz allgemein den Wunsch geäußert, Bilder von Kirchner zu sehen.

.. Schmidt-Rottluff soll im Umzug sein, so dass ich meinen Besuch bei ihm noch aufgeschoben habe. Ich mag sehr gern seine neuere, leicht abstrakte Art, die bei Ihnen wohl noch nicht vertreten ist. Kaufen Sie sich doch lieber mal solch ein Stück, statt sich nach den grandiosen Beispielen des Kirchner’schen Frühstils, die Sie vorm Jahr in Bern gekauft, mit Mittelmaß aus Nierendorfs Quelle zu belasten.“

09.02.1934 Nr. 536 Gosebruch an Hagemann

Lieber Herr Hagemann, ….

wenn ich an Kirchner’s grandiose Ausstellung vom vergangenen Jahr denke, so ist mir nicht zweifelhaft, dass Kirchner in der Zeit vor dem Kriege der stärkste Genius der deutschen Kunst war. Sie könnten mit Ihren Beständen dem großen deutschen Maler schon ein Museum errichten.“

12.04.1934 Nr. 547 Gosebruch an Hagemann

In Zürich im Kunsthaus wird wieder eine Privatsammlung Hess-Paulsen aus Deutschland ausgestellt, worin auch einige Bilder von mir sind. Der Direktor dort Wartmann will mal wieder sehen, ob eine größere von mir möglich ist. Schön wär es.“

24.06.1934 Nr. 567 Kirchner an Hagemann

Lieber Herr Hagemann, …

übrigens hat es Henke’s sehr großes Vergnügen gemacht, dass Sie endlich mal Ihre Sammlung und Ihr Heim kennenlernen konnten. Ihr Besuch bei Ihnen hat auch schon die Wirkung gezeitigt, dass Sie sich ernstlicher mit Kirchner befassen wollen. Einige der besten Holzschnitte unseres Freundes haben Sie schon erstanden, es ist ja zu dumm, dass es jetzt so schwierig ist, etwas von Kirchner zu bekommen.“

05.11.1934 Nr. 573 Gosebruch an Hagemann

Selbstverständlich werde ich sehr gern die Händler hier, soweit sie mit ihren Angeboten von K.-Arbeiten bei mir keinen Erfolg hatten, an Sie verweisen und erbitte von Ihnen gleiches.“

08.01.1936 Nr. 661, Brief von Budczies an Hagemann

Denken Sie, in der Galerie Thannhauser hier waren -sind zum Teil auch noch- die Bilder der Sammlung Hess aus Erfurt zu verkaufen, darunter die verschiedenen, in der Regel sehr schönen Kirchner-Artistenbilder und Landschaften.

11.02.1936 Nr. 679 Gosebruch an Hagemann

In der Galerie Thannhauser sah ich 2 große Bilder aus der Sammlung Hess. a) Das Gasthaus auf Fehmarn (Staberhof) in blauen und grünen Tönen, Größe ca. 90 bis 120 cm, Preis RM 2.300, b) Die Frau in der Hängematte, sehr schön in grünen und gelblichen Farben, Größe 89 bis 120, Preis ebenfalls RM 2.300, dieses Bild ist leider schlecht erhalten.

Der Verkäufer bei Thannhäuser war so naiv, mir zu sagen, die Preise seien vordem niedriger angesetzt gewesen, jetzt aber mit Rücksicht darauf in die Höhe gesetzt, dass inzwischen ein anderes aus gleichem Besitz stammendes Kirchner-Bild verkauft worden sei (an Lange in Krefeld).

26.04.1936 Nr. 709 Budczies an Hagemann

Es ist komisch, zu manchen Menschen finde ich trotz aller Bemühungen kein Verhältnis. So geht es mir z.B. mit Budczies. Er stößt mich immer wieder ab durch seine brutale Art. …. Er ist Sammler, gewiß, energierter Sammler …. weil der Zugang fehlt zu seinem Gefühlsleben, das ohnehin verkümmert ist und überwuchert durch das auf dem Sprungstehen immerwährend sich einen Vorteil zu ergattern.“

30.04.1936 Nr. 714 Kirchner an Hagemann

Was Ihre Absicht anbetrifft, einen Teil Ihrer Sammlung aufzulösen - wäre da nicht ein geeigneter Vertrauensmann Herr Rudolf Probst. …. Jedenfalls mit seiner hohen Bildung, seinem bewährt anständigen Charakter, eine andere Persönlichkeit als Nierendorf, Klug und Consorten, die doch nichts als Händler sind.“

22.05.1936 Nr. 723 Gosebruch an Hagemann

Der Oberlandesgerichtsrat und Sammler, von dem Sie schrieben, ist mir nicht bekannt. Hoffentlich bestimmen die Eindrücke, die er von Ihrer schönen K.-Sammlung bekommen haben wird, ihn nicht, sich allzu sehr auf dieses Gebiet zu stürzen, möge er beim Lehmbruck bleiben.“

10.06.1936 Nr. 731 Budczies an Hagemann

Was soll vor allem aus Ihrer großen, sicherlich einzigartigen Kirchner-Sammlung werden.“

15.10.1936 Nr. 754 Gosebruch an Hagemann

Lieber Herr Doktor,

vielen Dank für Ihren Brief.

Von den 3 Bildern, von denen Sie schreiben, war das Straßenbild 90 x 120 seinerzeit von Gosebruch zuvor der Stadt Elberfeld verkauft worden um einen sehr niedrigen Preis, wegen dem er sich später entschuldigte. ….Das Straßenbild wird wohl das sein, was auch hier ausgestellt war in Zürich mit rot und blau, nicht grün. Wahrscheinlich gehören die Bilder jüd. Leuten, die weg müssen. Das kleine Straßenbild ist lustig mit der schrägen Architektur. Ach, schöne Zeiten, wo seid ihr hin.“

30.10.1936 Nr. 761 Kirchner an Hagemann

Bei dieser Gelegenheit möchte ich fragen, wie es mit den 4 Bildern des Kölner Kunstvereins steht. Kennen Sie die und was stellen sie dar? Wie ist der Preis? Mir sind nämlich kürzlich aus Hamburg 4 bis 8 Bilder angeboten worden. Obschon ich mich bis jetzt noch nicht mit dieser Angelegenheit befasst habe, hätte ich doch gern erfahren, ob es sich etwa um dieselben Bilder handelt.“

15.12.1936 Nr. 775 Budczies an Hagemann

Sehr verehrter Herr Doktor! ….

Für Ihre Karte aus Essen danke ich Ihnen vielmals … Wie waren denn die 4 Kirchner-Bilder im Kölner Kunstverein, die Sie auf der Durchreise nach Essen besichtigen wollten? Haben Sie etwas davon erworben? Auch die ermäßigten Preise, von denen Sie schrieben, finde ich noch sehr hoch.“

07.02.1937 Nr. 795 Budczies an Hagemann

Es freut mich, dass Sie das Straßenbild aus Cöln kauften. Allerdings weiß ich nicht, welches es ist. Vielleicht das grüne……

Es freut mich, dass Sie das Straßenbild von Cöln erwarben, allerdings weiß ich nicht, welches es ist. Vielleicht fotografieren Sie es einmal.“

10.02.1937 Nr. 798 Kirchner an Hagemann

Lieber Herr Doktor,

vielen Dank für Ihren frdl. Brief. Ja, dies Bild kenne ich gut. Der vormalige Besitzer hatte es in den letzten Jahren viel hier ausgestellt und es wurde sehr gut kritisiert, besonders in Basel. Nun hat es doch in Deutschland seinen guten Platz gefunden.“

19.02.1937 Nr. 804 Kirchner an Hagemann

Lieber Herr Doktor,

vielen Dank für Ihren Brief und die Zeichnung, aus der man das Bild schon erkennt.“

20.02.1937 Nr. 805 Kirchner an Hagemann

Lieber Herr Doktor Hagemann,

da Sie mit Buchholz in Berlin in Correspondenz sind, können Sie vielleicht erfragen, warum der Herr Valentin keine Ölbilder für Amerika von mir will. …. Es ist mir das sehr rätselhaft, denn Ölbilder sind doch das wichtige eigentliche, und diese werden drüben gefragt und gehandelt, während Grafik gar nicht läuft. …. Ich weiß nun nicht, ob in Deutschland meine Bilder sehr im Preise herunter sind. Was zahlten Sie für das Straßenbild? Aber in Amerika nicht, da sind die Preise normal und es wurden nur Bilder und Aquarelle verkauft, keine Grafik, trotzdem sie mir gezeigt wurde. …. Drüben in D. mögen die Leute wohl durch die unverständlichen Schaustellungen von den Bildern abgeschreckt worden sein. In anderen Ländern aber nicht, im Gegenteil.“

27.02.1937 Nr. 807 Kirchner an Hagemann

Lieber Herr Doktor,

vielen Dank für Ihren Brief vom 1.

Ich bekam endlich heute einen verständlichen aufklärenden Brief von Valentin. Die Galerie ist also die Buchholz Gallery. Nun will er auch Bilder haben und schneller als ich sie liefern kann. …

Ja, das Bild war bei Hess früher, 12 oder 13 Entstehungszeit. Es kann schon sein, dass Nachfrage nach Bildern von mir da ist, auch nach Grafik, aber ich kann ja nichts senden wegen der Devisensperre. So schnell vergisst man doch eine Kunst nicht, die soviel diskutiert worden ist wie meine.“

05.03.1937 Nr. 809 Kirchner an Hagemann

Lieber Herr Hagemann,

Herr Prof. Kurth, den ich gleich gestern noch aufgesucht habe, ist von seinem Besuch in der Forsthausstraße hoch befriedigt. …. Übrigens hat er sich auch sehr genau Ihre Gemälde angesehen, das Kirchner’sche Straßenbild, das Sie kürzlich erworben haben, findet er wundervoll.“

06.03.1937 Nr. 810 Gosebruch an Hagemann

Zu dem neuen K.-Bild gratuliere ich sehr. Sie haben gewiß viel Freude an dieser Erwerbung, freilich ist der Preis sehr hoch.“

25.03.1937 Nr. 816 Budczies an Hagemann

Ich habe inzwischen in Hamburg die von dort mir angebotenen Kirchner-Bilder besichtigt, mich aber nicht entschließen können, etwas davon zu erwerben. An grafischen Arbeiten von Kirchner habe ich inzwischen auch nur weniges meiner Sammlung einverleiben können. Es kommt hier fast nichts an den Markt.“

02.07.1937 Nr. 850 Budczies an Hagemann

Habe mir eben noch bei Buchholtz das Bild von Macke angesehen, das er Ihnen angeboten hat. Sehr hübsch, aber das größere Macke-Bild, das Sie schon haben, ist, nachdem was mir Nay davon erzählt, doch wohl bedeutender. Wenn man es als unsere Aufgabe ansieht, dem neuen Deutschland den zur Zeit missachteten Begriff der Qualität zu erhalten, sollte man eigentlich nur das Beste sammeln.“

06.09.1938 Nr. 945 Budczies an Hagemann

Lieber Herr Hagemann,

Sie würden gewiß gern etwas über Frau Kirchner hören, die wohl morgen  Dienstag  nach Davos zurückfahren wird. …. Unter den grafischen Arbeiten Kirchners, die Sie bei sich hatte, waren wieder ganz wundervolle Beispiele, neuere und auch ganz frische, nein, so etwas gibt es nicht zum zweiten Mal in der zeitgenössischen Kunst! Aber diese Schwierigkeiten nun, wenn sie gedacht hatte, etwas in Deutschland loszuwerden! Herr Budczies hat ihr sagen müssen, dass es eine Übertretung der Devisenbestimmungen wäre, wenn er ihr etwas abkaufen würde. Man versteht diese Hemmungen gar nicht.“

05.12.1938 Nr. 1021 Gosebruch an Hagemann

Lieber Herr Hagemann,

eine Sammlung moderner Kunst, die schnell verkauft werden soll, wird wohl in diesem Augenblick immer eine jüdische sein, deren Besitzer den Wanderstab ergreifen müssen. Ich dachte gleich an die Sammlung Hess in Erfurt, aus der ja schon Ihr wundervolles Straßenbild Kirchners stammt, rief dann Heckel an, von dem ja auch eine Anzahl Bilder und Aquarelle auf der Liste steht. Sofort sagte er, dass das die Reste der Sammlung Hess sein müssten …Keinesfalls würde ich moderne Bilder jetzt im Handel kaufen. Der besonders geschwätzige Herr Klug würde es sich, falls Sie unter den von ihm angebotenen Bildern etwas auswählen sollten, bestimmt nicht nehmen lassen, urbi et orbi mitzuteilen, dass Herr Dr. H. in Frankfurt wieder gekauft hat.“

16.01.1939 Nr. 1034 Gosebroch an Hagemann

Die Kölner Liste habe ich mit Interesse durchgesehen, sie liegt wieder bei. Schade, dass man nichts kaufen kann.“

14.02.1939 Nr. 1037 Budczies an Hagemann

Herrn Klugs Mitteilung bezüglich der Bilder unserer Malerfreunde ist bestimmt falsch. Hier kann man von allen Kunsthändlern hören, dass gerade auf diesem Gebiet ein sehr lebhafter Verkauf herrscht. Leider handelt es sich dabei in der Regel um Werke, die der Kunsthandel aus Privatbesitz bekommt, so dass an dem Gewinn unsere Freunde nicht beteiligt sind.“

23.03.1939 Nr. 1046 Gosebruch an Hagemann

Doch diese „Schätzungsliste“ tippe ich mit mehreren Durchschlägen ab, schicke eine auch an Herrn Probst und tue es hiermit auch an Sie.“

Brief vom Juni 1939 Nr. 1061 von Dinkgraeve an Hagemann

Bemerkungen zu meinem neuen Testament vom 4.12.37 ... Als Kunsthändler kommt in erster Linie Herr Probst vom ‚Kunsthaus Mannheim‘ in Betracht, er ist sehr reell und vertrauenswürdig; … durch die vielen Beschlagnahmen in den Museen sind die Werke der Künstler wie Kirchner ….. sehr rar geworden und es ist gar nicht ausgeschlossen, dass einigen Jahren nicht unerhebliche Preise gezahlt werden, namentlich auch im Ausland (Amerika!). Also nur nicht verschleudern! …. Ich lege ein Verzeichnis an, in dem bei einzelnen Gegenständen der Verkaufswert, den ich für angemessen halte, angegeben ist.“

Handschriftliches Testament vom 04.12.1937, eröffnet am 27.11.1940 Nr. 1178 von Hagemann

Fußnoten

1 = Kirchner, Schmidt-Rottluff, Nolde, Nay … Briefe an den Sammler und Mäzen Carl Hagemann, herausgegeben von Hans Delfs, Mario-Andreas von Lüttschau, Roland Scotti, 2004, Hatje Cantz Verlag; nachfolgende Fund- stellen geben die Nummerierung der Briefe in dem Buch und die dazu ergangenen Fußnoten wieder

2 = Nr. 487, dort FN 5

3 = Nr. 495, 497, dort FN 5

4 = Nr. 807

5 = vgl. FN 3 und Nr. 573, 850, 1034

6 = zu Budczies vgl. Nr. 709, 731, 775, 850, 945, 1037

zu Lange vgl. Nr. 709

zu Ernst Henke vgl. Nr. 290, dort FN 1, Nr. 573

zu Gustav Jung vgl. Nr. 772, FN 7, Nr. 647, FN 1

7 = Nr. 516

8 = vgl. FN 7, Nr. 536

9 = Nr. 547

10 = Nr. 536, 573, 809, 850, 1037

11 = Nr. 661, 679, 709, 795, 850, 945, 1034

12 = Nr. 731

13 = Nr. 709

14 = Nr. 761

15 = Nr. 775

16 = Nr. 795

17 = Nr. 798

18 = Nr. 804

19 = Nr. 807

20 = Nr. 809

21 = Nr. 810

21a = Nr. 816

22 = Nr. 850

23 = Nr. 1034

24 = Nr. 1078

25 = Nr. 1037

26 = Nr. 1021

27 = Ute Haug: Der Kölnische Kunstverein im Nationalsozia- lismus, Aachen 1998, Ziff. 2.2.9.1 Dr. Walter Klug

28 = vgl. FN 27

29 = Nr. 723

6. Kapitel

Nachkriegswiedergutmachungsrecht und die Anwendung im Fall Hess

I.

Stichpunktartige Zusammenfassung der nachfolgenden Tatsachenfeststellungen

  • Hans Hess ist kein einziges Kunstwerk der früheren Sammlung Hess nach den von den Westalliierten zwischen 1947 und 1949 erlassenen Rückerstattungsbestimmungen rückübertragen worden.

  • Fristgemäß hatte Hans Hess nach dem Bundesrückerstattungsgesetz von 1957 die Rückerstattung von Kunstwerken der Sammlung Hess geltend gemacht. Die Anmeldung beinhaltete aber ausschließlich die Angabe von Künstlernamen und nicht von einzelnen namentlich bezeichneten Kunstwerken. Weil weder die amtsermittelnde Rückerstattungsbehörde noch Hans Hess konkrete Angaben zum aktuellen Verbleib einzelner Kunstwerke machen konnten, nahm der von ihm beauftragte Rechtsanwalt im Juli 1961 den Rückerstattungsantrag zurück.

  • Nach dem Bundesentschädigungsgesetz von 1956 meldete Hans Hess fristgemäß Ansprüche für die von ihm erlittenen Vermögensverluste an Eigentum und beruflichem Fortkommen an. Die Kunstsammlung Hess wird lediglich pauschal unter Nennung von Künstlernamen, nicht unter Nennung einzelner Kunstwerke aufgeführt.

  • Hans Hess erhielt eine pauschale, nicht auf einzelne Vermögensverluste konkretisierte Geldentschädigung, begrenzt auf den Höchstbetrag 75.000 DM im Jahr 1961 ausgezahlt. Der Entschädigungsvergleich bezieht sich auf alle Vermögensschäden des Hans Hess, ohne konkrete Aufschlüsselung, für welche Schäden die Pauschalsumme gezahlt wurde.

  • Wegen der aus rassischen Gründen im Juni 1933 erfolgten Kündigung durch den Ullstein Verlag wurde zugunsten von Hans Hess eine Entschädigung für den ihm entstandenen Schaden wegen seines beruflichen Fortkommens festgesetzt.

II.

Primäres Wiedergutmachungsrecht

- Alliierte Rückerstattungsbestimmungen

In den westlichen Besatzungszonen einschließlich Westberlins hatten die USA (1947), Frankreich (1947) und Großbritannien (1949) jeweils eigene gesetzliche Rückerstattungsbestimmungen in Kraft gesetzt. Durch staatlichen Hoheitsakt konnten Vermögensgegenstände, die natürlichen oder juristischen Personen während der NS-Zeit (30.01.1933 bis 08.05.1945) aus Gründen der Rasse, Religion, Nationalität, der politischen Auffassung oder politischen Gegnerschaft gegen den Nationalsozialismus „ungerechtfertigt entzogen worden sind“ rückübertragen werden. Ungerechtfertigter Entzug war sowohl Enteignung, Wegnahme, Vernichtung von Vermögenswerten durch Hoheitsakt, also durch staatliches Handeln, aber auch Vermögensverluste durch Rechtsgeschäfte zwischen privaten Dritten. Die alliierten Rückerstattungsbestimmungen hatten kurze gesetzliche Ausschlussfristen von 12 Monaten ab Inkrafttreten der jeweiligen Gesetze/Verordnung.

Hess-Fall:

Im Rückerstattungsfall Hess konnte nicht festgestellt werden, dass der Anspruchsberechtigte Hans Hess oder seine Mutter Thekla Hess in Deutschland bei den zuständigen Behörden zwischen 1947 und 1950 Rückerstattungsansprüche fristgemäß erhoben haben.

III.

Sekundäres Wiedergutmachungsrecht

1. Bundesrückerstattungsgesetz

Im Rahmen der völkerrechtlichen Vereinbarung mit dem alliierten Besatzungsregime im sog. Überleitungsvertrag vom 26.05.1952 verpflichtete sich die Bundesrepublik Deutschland, die bisherigen alliierten Vorschriften über die Rückerstattung fortzusetzen. Am 19.07.1957 wurde das Bundesrückerstattungsgesetz verabschiedet. Die Ansprüche mussten bis 31.03.1959 geltend gemacht werden.

Das Bundesrückerstattungsgesetz sah  ähnlich den alliierten Rückerstattungsbestimmungen  vor, dass Vermögensverluste während der NS-Zeit, die „Verfolgten des NS-Regimes“ an in ihrem Eigentum stehenden Vermögensgegenständen erlitten hatten, rückzuerstatten sind, wenn sie sich auf dem Gebiet der Bundesrepublik Deutschland befinden und ein „ungerechtfertigter Vermögensentzug“ feststellbar ist. Der Antragsteller musste die Vermögenswerte konkret benennen und die Verlustumstände darlegen.

Hess-Fall:

Vertreten durch Rechtsanwalt von Pückler meldete Hans Hess am 25.03.1958 folgende Werte gegenüber dem Deutschen Reich zur Rückerstattung an:

- Gemälde und Aquarelle von

Franz Marc

Wassily Kandinsky

Marc Chagall

Lyonel Feininger

Paul Klee

Max Pechstein

Erich Heckel

Ernst Ludwig Kirchner

Christian Rohlfs

Karl Schmidt-Rottluff

Otto Müller

Emil Nolde

August Macke

Wilhelm Lehmbruck

Alexander Archipenko

Paula Becker-Modersohn

Alfred Kubin

Oskar Kokoschka

Heinrich Campendonc

Rudolf Belling

Heinrich Nauen

Gerhard Marks

- Graphiken von:

Wilhelm Lehmbruck

Lyonel Feininger

Erich Heckel

Christian Rohlfs

Paul Klee

und anderen.

Die Bilder und Graphiken umfassten etwa 4000 Nummern.

Beweis: Rückerstattungsantragsschreiben vom 25.03.1958

Auch in der weiteren Begründung des Rückerstattungsantrages mit Schriftsatz vom 22.11.1960 wurden wiederum nur die bereits im Antrag vom 25.03.1958 namentlich genannten Künstler, nicht aber die Kunstwerke, genannt. Die Angaben beschränkten sich auf die Mitteilung, dass die in den Jahren 1918 bis 1930 entstandene Sammlung über 4000 Werke (Ölgemälde, Aquarelle, Handzeichnungen, grafische Blätter, Plastiken) namhafter Künstler (die sodann namentlich genannt werden) umfasste. Sodann wird in Kurzform der Werdegang der Sammlung, beginnend 1933 in Lichtenfels/Bayern, Einlagerung im Kunsthaus Zürich in der Schweiz, Rückholung 1937 in das Deutsche Reich usw., im Wesentlichen unter Bezugnahme auf Schriftsätze und Anlagen im Wiedergutmachungs-/Entschädigungsverfahren dargestellt. Es werden keinerlei Angaben zu einzelnen Kunstwerken und deren Verlust gemacht.

Beweis: Begründungsschreiben vom 22.11.1960

Da 16 Jahre nach Kriegsende und 3 Jahre nach seiner Antragstellung im Rückerstattungs- und Entschädigungsverfahren Hans Hess noch keinerlei „Wiedergutmachung“ erhalten hatte, schaltete dieser Ende 1960 den deutschen Botschafter in London ein, um eine Beschleunigung seiner Angelegenheit zu erreichen.

Beweis: Schreiben des Senats für Inneres vom 24.01. und 17.02.1961

Im Schreiben vom 17.02.1961 äußert der Senator sogar, dass die Bearbeitung des Entschädigungsanspruches bis zur Beendigung des Rückerstattungsverfahrens nicht zurückgestellt werden müsse und bereits jetzt eine Entschädigung in Geld festgestellt und ausgezahlt werden könne.

Beweis: wie zuvor, dort Schreiben vom 17.02.1961

Daraufhin werden von den verschiedenen Ämtern insbesondere in Bayern nochmals Nachforschungen über den Verlust der Kunstsammlung Hess angestellt. Ohne Erfolg.

Beweis: Schreiben des Entschädigungsamtes Berlin vom 16.06.1961

Aufgrund der Feststellungen der Rückerstattungsbehörden mit Zwischenbescheid vom 24.05.1961, „dass die bei den bayerischen Behörden durchgeführten Ermittlungen zu keinem positiven Ergebnis über den Verbleib der Gemäldesammlung geführt haben“ führte zu einer Beendigung dieses Restitutionsverfahrens und pauschalen Abgeltung von allen Vermögensschäden nach dem Bundesentschädigungsgesetz.

Beweis: Schreiben des Entschädigungsamtes Berlin vom 07.07.1961

Ein Entschädigungsfeststellungsbescheid zugunsten von Hans Hess konnte im Entschädigungsverfahren aber nur erfolgen, wenn zuvor das Rückerstattungsverfahren abgeschlossen war. Um wenigstens eine pauschale Entschädigung in Geld für Vermögensverluste zu erhalten und weil 1961 Hans Hess ebenso wenig wie die mit der Amtsermittlung beauftragten Wiedergutmachungsämter in der Lage waren, den Verlust der Kunstsammlung Hess aufzuklären, nahm der beauftragte Rechtsanwalt am 05.07.1961 den Rückübertragungsantrag zurück, u.a. mit der Begründung, „da es diesem (Antragsteller Hans Hess) nicht möglich ist, die erforderlichen Unterlagen bzw. Beweise für einen Entziehungstatbestand beizubringen, der einen Anspruch gegen das Deutsche Reich begründen würde“.

Beweis: Antragsrücknahmeschreiben vom 05.07.1961

2. Bundesentschädigungsgesetz

Bereits im Bundesentschädigungsgesetz von 1953/1956 war geregelt, dass für Schäden an Leben, Körper, Gesundheit, Freiheit, berufliches Fortkommen und Vermögen, die während der NS-Zeit durch den Antragsteller erlitten wurde, jeweils eine Geldentschädigung verlangt werden konnte. Die gesetzliche Frist zur Geltendmachung endete am 01.04.1958, für das Bundesentschädigungsschlussgesetz am 31.12.1969. Die nach dem BEG zu zahlende Entschädigung in Geld (DM) berechnete sich nicht nach dem aktuellen oder im Verlustzeitpunkt maßgeblichen Verkehrswert des Vermögens des Geschädigten bzw. eine gesetzliche Kappungsgrenze von DM 75.000 stellte den gesetzlichen Höchstsatz der Entschädigung dar, unabhängig von der Höhe des Gesamtverlustes.

Fall Hess:

Hans Hess ließ, vertreten durch Rechtsanwalt von Pückler, am 19.08.1957 einen Wiedergutmachungsantrag einreichen, der erstmalig am 01.04.1958 begründet wurde.

Beweis: Wiedergutmachungsantrag vom 19.08.1957 und Begründungsschriftsatz vom 01.04.1958 des Rechtsanwaltes von Pückler

In diesem Begründungsschreiben ist u.a. eine Anlage „Erläuterung der Schadensfälle und erlittenen Schäden“ enthalten, in der der Verlust der Kunstsammlung Alfred Hess, ursprünglich bestehend aus über 4.000 Werken namhafter Künstler, bestehend aus Ölgemälden, Aquarellen, Handzeichnungen, grafischen Blättern sowie einigen Plastiken aufführt. Namentlich werden folgende Künstler genannt:

Franz Marc

Wassily Kandinsky

Marc Chagall

Lyonel Feininger

Paul Klee

Max Pechstein

Erich Heckel

Ernst Ludwig Kirchner

Christian Rohlfs

Karl Schmidt-Rottluff

Otto Müller

Emil Nolde

August Macke

Wilhelm Lehmbruck

Alex Archipenko

Paula Becker-Modersohn

Alfred Kubin

Oskar Kokoschka

Heinrich Campendonc

Rudolf Belling

Heinrich Nauen

Gerhard Marks

Eine weitere Konkretisierung erfolgt nur hinsichtlich der Anzahl von Kunstwerken einzelner Künstler, nämlich

a) 7 Gemälde von Franz Marc,

7 Werke von Lyonel Feininger

7 Bilder von Ernst Ludwig Kirchner

3 große Gemälde von Marc Chagall

2 Werke von Kandinsky;

b) weiter jeweils mehrere Bilder aus dem Gesamtwerke von:

Pechstein,

Nolde,

Heckel,

Müller,

Rohlfs und

Schmidt-Rottluff.

c) An graphischen Werken enthielt die Sammlung:

das zumeist handkolorierte vollständige Werk Wilhelm Lehmbrucks sowie

das vollständige Werk Lyonel Feiningers.

d) Endlich waren vorhanden:

Erst- und Frühdrucke fast aller namhaften Meister des Expressionismus.

Einzelne Kunstwerke, deren Bezeichnungen o.ä. werden in dem Antragsschreiben nicht genannt. Die eingereichten Erklärungen namhafter Künstler, früherer Museumsdirektoren und anderer Personen bestätigen lediglich allgemein, dass die ehemalige Kunstsammlung Alfred Hess 1933 aus zahlreichen Meisterwerken der benannten Künstler bestand. Verschiedene Kunstsachverständige, insbesondere der in die USA emigrierte Kunsthändler J.K. Thannhauser, erklärte im Schreiben vom 23.09.1958, dass dem Entschädigungsamt eingereicht wurde, dass die Sammlung Hess eine außerordentliche künstlerische Qualität gehabt habe und der Wert der Sammlung „etliche hunderttausend Dollar“ ausmachen würde.

Beweis: Schreiben J.K. Thannhauser vom 23.09.1958

Ohne Feststellung einzelner konkreter Vermögensverluste und offensichtlich nach Erkenntnis des Entschädigungsamtes, dass der gesetzliche Höchstbetrag von DM 75.000 ohnehin nur einen Teil des tatsächlich entstandenen Vermögensverlustes darstellte, einigten sich die Beteiligten in einem Entschädigungsvergleich vom 28.01.1963 auf eine pauschale Geldentschädigung von DM 75.000 für sämtliche Hans Hess entstandenen Schäden an Eigentum und Vermögen.

Beweis: Entschädigungsvergleich vom 28.01.1963

Eine konkrete Entschädigung für einzelne Kunstwerke und deren Verlust wurde nicht festgestellt.

Beweis: wie zuvor

IV.

Ergebnis

Hans Hess hat in seinem Rückerstattungsantrag vom März 1958 und nachfolgenden Begründungen ausschließlich pauschal den Verlust der ehemaligen Kunstsammlung Alfred Hess geltend gemacht unter Nennung der Künstlernamen, nicht aber der Kunstwerke. Um den gesetzlich vorgesehenen Entschädigungsbetrag in Geld (Höchstbetragssumme 75.000 DM) zu erhalten, musste Hans Hess seinen Rückerstattungsantrag bezüglich der Kunstsammlung zurücknehmen. Es ist kein einziger Rückerstattungsbescheid hinsichtlich eines einzigen Kunstwerkes aus der früheren Sammlung Alfred Hess ergangen und somit auch kein einziges Kunstwerk rückübertragen bzw. restituiert worden.

In dem Wiedergutmachungs-/Entschädigungsverfahren hinsichtlich sämtlicher Vermögensverluste, die Hans Hess erlitten hat, wurde ihm pauschal eine Entschädigungssumme von 75.000 DM 1961 zuerkannt. In dem Entschädigungs-/Wiedergutmachungsverfahren hatte er gleichfalls ausschließlich pauschal die frühere Kunstsammlung Alfred Hess und die Künstlernamen, jedoch nicht die Kunstwerke und deren Titel aufgeführt. In der Anlage „Erläuterung der Schadensfälle und erlittenen Schäden“ wurde der besondere Wert der Sammlung u.a. beschrieben mit

„7 Gemälde von Franz Marc,

7 Werke von Lyonel Feininger,

7 Bilder von Ernst Ludwig Kirchner,

3 große Gemälde von Marc Chagall

2 Werke von Kandinsky …“

Die Kunstwerke wurden im Einzelnen aber nicht benannt und weiter konkretisiert. Es ist aber -theoretisch- denkbar, dass unter der Bezeichnung „7 Bilder von Ernst Ludwig Kirchner“ ungenannt auch die „Berliner Straßenszene“ aufgeführt war.

In dem Artikel von Feilchenfeldt/Romily aus der „Weltkunst“, Oktober 2000 entsteht der fehlerhafte Eindruck, es seien in dem Wiedergutmachungsantrag namentlich die Werktitel der bezeichneten Künstler genannt worden. Die in dem Artikel aufgeführten Fußnoten und dort genannten Bildtitel stellen aber lediglich eine Konkretisierung der Autoren und keine zitatweise Wiedergabe aus dem Wiedergutmachungsantrag dar.

Deshalb ist festzustellen, dass im Rückerstattungs- und Wiedergutmachungs-/Entschädigungsverfahren ab 1957 bis zu dessen Abschluss 1961 von Hans Hess zu keinem Zeitpunkt irgendein einziges Kunstwerk aus der früheren Sammlung Alfred Hess konkret genannt worden ist. Die gewährte Pauschalentschädigung lässt sich nicht einzelnen Kunstwerken zuordnen.

7. Kapitel

Rechtliche Prüfung zur Rückgabe

Berliner Straßenszene“

Vorbemerkung

Bei der nachfolgenden rechtlichen Prüfung wird sich darauf beschränkt, in Kurzform die diesen Vermögensgegenstand betreffenden Rechtsfragen zu erläutern unter besonderer Berücksichtigung der in der Öffentlichkeit bisher problematisierten Punkte.

I.

Zivilrechtliche Ansprüche

1. Die „Berliner Straßenszene“ soll nach derzeitigem Ermittlungsstand Ende 1936, spätestens bis Februar 1937, im damaligen Deutschen Reich, wahrscheinlich in Köln, an den privaten Kunstsammler Hagemann verkauft worden sein. Der ausgewertete Schriftverkehr Budczies/Hagemann/Kirchner/Gosebruch belegt, dass die Veräußerung an Hagemann nicht durch Thekla Hess persönlich erfolgt ist, weil erst nach Kauf und Besitzübergabe sich Hagemann bei Kirchner über den bisherigen Besitzer, Hess, erkundigt. Aus einer Äußerung von Gosebruch an Hagemann 1939 ist ableitbar, dass der Verkauf der „Berliner Straßenszene“ an Hagemann durch den damaligen Direktor des KKV, der daneben auch als privater Kunsthändler in den Räumen des KKV tätig war, Dr. Walter Klug, erfolgt ist.

Unaufgeklärt ist noch, ob Klug im Auftrag und namens des KKV oder als selbständig tätiger Kunsthändler die „Berliner Straßenszene“ an Hagemann veräußert hat.

Aus den Thannhauser-Dokumenten ist allerdings ableitbar, dass zumindest die Galerie Thannhauser einen Verkaufsauftrag auch für die „Berliner Straßenszene“ hatte und ein Verkauf der Berliner Straßenszene durch Thannhauser mit Zustimmung von Thekla Hess erfolgt wäre. Daraus kann geschlossen werden, dass auch ein Verkaufsauftrag des KKV und/oder des Direktor Klug bestand.

 

Dies bedeutet  zivilrechtlich  den rechtswirksamen Abschluss eines Kaufvertrages mit dem Eigentümer und die Eigentumsübertragung der „Berliner Straßenszene“ an den Erwerber Hagemann, manifestiert durch die Besitzübergabe. Diese ist spätestens Ende Februar 1937 belegbar.

Es wäre dann festzustellen, dass Hagemann in rechtswirksamer Weise mit dem Eigentümer des Bildes, Hans Hess, vermittelt durch seine Vertreterin Thekla Hess, diese durch Bevollmächtigung vermittelnd dem KKV und/oder dessen Direktor Klug einen Kaufvertrag und die Eigentumsübertragung auf den Erwerber Hagemann vorgenommen hat.

2. Zusammenfassung und Ergebnis

Spätestens mit Besitzübergabe der „Berliner Straßenszene“ Ende Februar 1937 an Hagemann ist dieser Eigentümer des Gemäldes geworden.

Schließlich kann der Eigentumsherausgabeanspruch spätestens 30 Jahre ab Besitzverlust  hier Februar 1937  gegenüber dem aktuellen Besitzer nicht mehr geltend gemacht werden, wenn dieser die Einrede der Verjährung erhebt. Die 30jährige gesetzliche Verjährungsfrist ist, selbst bei unterstellter Verjährungshemmung bis Anfang der 50er Jahre, wegen unterstellter tatsächlicher Unmöglichkeit der Rechtsverfolgung spätestens Ende der 80er Jahre abgelaufen.

3. Die nachfolgenden Eigentumsübertragungen

Die nachfolgenden Eigentumsübertragungen

  • Schenkung der „Berliner Straßenszene“ durch die Erben Hagemanns an Holzinger (mutmaßlich Ende der 40er/Anfang der 50er Jahre) und

  • der Verkauf des Gemäldes an das Land Berlin/Brücke-Museum 1980

konnten jeweils zu rechtswirksamen Eigentumsübertragungen führen, weil der jeweilige Veräußerer (Hagemann-Erben, Holzinger-Witwe) im Zeitpunkt der jeweiligen Eigentumsübertragungen bereits Eigentümer war.

Ein zivilrechtlicher Eigentumsherausgabeanspruch der Rechtsnachfolgerin des damaligen Eigentümers Hans Hess scheidet aus.

II.

Öffentlich-rechtliche gesetzliche Rückübertragungsansprüche

 

1. Alliiertes Rückerstattungsrecht

Die zwischen 1947 und 1949 in der amerikanischen, britischen und französischen Besatzungszone erlassenen sog. Alliierten Rückerstattungsbestimmungen ordneten an, dass durch Hoheitsakt das vormalige Eigentum an den Berechtigten rückübertragen bzw. restituiert werden konnte. Das zivilrechtlich verloren gegangene Eigentum konnte somit durch hoheitliche Anordnung wieder dem ursprünglichen Eigentümer eingeräumt werden.

Die Voraussetzungen für die Rückübertragung von Vermögenswerten waren in den alliierten Vorschriften unterschiedlich geregelt. Einzelheiten werden unter III. „Überprüfung der Anwendung des Alliierten Rückerstattungsrechts“ im Rahmen der Washingtoner Prinzipien erläutert.

Ein Anspruch nach den Alliierten Rückerstattungsbestimmungen bedurfte einer fristgemäßen Anmeldung durch den Antragsteller. Die Fristen waren äußerst kurz und auf ein Jahr seit Inkrafttreten der gesetzlichen Bestimmungen begrenzt, so dass spätestens 1950 die Anmeldefrist auslief. Diese kurze Anmeldefrist ist insbesondere bei Kunstwerken, dessen Verbleib und aktueller Besitzer dem Antragsteller nicht bekannt waren, abgelaufen, bevor eine fristwahrende Anmeldung erfolgen konnte.

Hans Hess hat nach dem derzeitigen Kenntnisstand keinen fristgemäßen Antrag nach Alliierten Rückerstattungsbestimmungen gestellt.

2. Bundesrückerstattungsgesetz

Die westlichen Alliierten und die Bundesrepublik Deutschland waren sich bei Abschluss des sog. Überleitungsvertrages am 26.05.1952 einig, dass bis zu diesem Zeitpunkt die während der NS-Zeit erfolgten Vermögensverluste nur unzureichend durch die Alliierten Rückerstattungsbestimmungen beseitigt und „wieder gutgemacht“ worden sind. Die Bundesrepublik Deutschland verpflichtete sich, die in den Alliierten Rückerstattungsbestimmungen angeordnete Rückerstattung fortzusetzen und bundesgesetzlich zu regeln. Im Bundesrückerstattungsgesetz vom 19.07.1957 wurde zugunsten von Verfolgten des NS-Regimes, die Vermögensverluste im Zeitraum zwischen 30.01.1933 bis 08.05.1945 erlitten hatten, ein gesetzlicher Rückerstattungsanspruch eingeräumt. Die Ansprüche mussten innerhalb einer gesetzlichen Ausschlussfrist bis 31.03.1959 angemeldet werden.

Hans Hess hat durch seinen damaligen deutschen Rechtsanwalt Ansprüche gegenüber dem Deutschen Reich für die frühere Kunstsammlung Alfred Hess fristgemäß bei den deutschen Behörden angemeldet, vgl. 6. Kapitel.

Voraussetzung für eine staatlich angeordnete Restitution einzelner Vermögensgegenstände war, dass der Antragsteller den aktuellen Besitzer des Vermögensgegenstandes benennt und dieser Vermögenswert sich innerhalb des Hoheitsgebietes der Bundesrepublik Deutschland befindet. Ausweislich der Rückerstattungsunterlagen hat Hans Hess zu keinem Zeitpunkt einzelne Bilder oder Bildtitel benannt. Er konnte auch nur vereinzelt Angaben zu dem Verbleib bestimmter Kunstwerke, nicht aber der „Berliner Straßenszene“ und zu deren aktuellen Besitzer machen. Die gesetzlich vorgeschriebene Amtsermittlung durch deutsche Behörden, insbesondere in Bayern, dem letzten Wohnsitz von Thekla Hess, führte zu keinen nennenswerten Feststellungen über den Verbleib der Kunstsammlung Hess. Der nach dem Bundesrückerstattungsgesetz vorgesehene Schadensersatz anstelle der Rückgabe von Vermögensgegenständen setzte voraus, dass der Antragsteller nachweist, dass der Vermögensgegenstand durch deutsche Stellen oder das Deutsche Reich entzogen worden war. Auch dieser Nachweis ist Hans Hess seinerzeit nicht möglich gewesen. Deshalb nahm sein bevollmächtigter Rechtsanwalt mit Schreiben vom 05.07.1961 den Antrag mit der Begründung zurück, „da es dem Antragsteller nicht möglich ist, die erforderlichen Unterlagen bzw. Beweise für einen Entziehungstatbestand beizubringen“.

3. Geldentschädigung nach dem Entschädigungsgesetz

Kam der Anwendungsbereich des Bundesrückerstattungsgesetzes nicht in Betracht, d.h. war tatsächlich die Rückübertragung von Vermögensgegenständen nicht möglich, konnte auch kein nach dem Bundesrückerstattungsgesetz möglicher Schadensersatz für den Verlust von Vermögensgegenständen festgestellt werden, beschränkte sich die „Wiedergutmachung“ für NS-verfolgungs-bedingte Vermögensverluste auf einen pauschalierten Entschädigungsanspruch in Geld. Nach dem Bundesentschädigungsgesetz vom 18.09.1953 ergänzt 29.06.1956, waren Schäden an Körper, Gesundheit, beruflichem Fortkommen, Eigentum und Vermögen durch eine Geldzahlung einmalig zu entschädigen.

Hans Hess hatte fristgemäß durch seinen deutschen Anwalt Entschädigungsansprüche angemeldet. In dem Entschädigungsverfahren ist keine konkrete Wertermittlung für einzelne Kunstwerke erfolgt. Allein auf der Grundlage der amtlichen Feststellungen, dass bereits die im Deutschen Reich zurückgelassenen Kunstwerke den gesetzlichen Höchstbetrag der Entschädigung von 75.000 DM überschreiten, wurde aus pragmatischen Gründen und im Vergleichswege der einmalige gesetzliche Höchstbetrag von 75.000 DM im Entschädigungsvergleich von 1961 festgesetzt. Damit wurden entschädigt sämtliche Vermögensverluste des Hans Hess, die dieser an Eigentum und Vermögen während der NS-Zeit erlitten hatte. Die Entschädigungsbehörde hatte aus rechtlichen Gründen die Festsetzung der Geldentschädigung von der vorherigen Rücknahme des Rückerstattungsantrages abhängig gemacht.

Eine konkrete Erfassung einzelner Vermögensgegenstände, insbesondere von Kunstwerken, erfolgte nicht und auch keinerlei Bewertung und Festlegung des Wertes einzelner Kunstwerke. Es kann heute nicht mehr festgestellt werden, in welcher Höhe die „Berliner Straßenszene“ durch den Entschädigungsvergleich pauschal entschädigt worden ist.

III.

Ansprüche nach den Washingtoner Prinzipien und der Gemeinsamen Erklärung

1. Washingtoner Konferenz vom Dezember 1998

44 Staaten nahmen vom 30.11. bis 03.12.1998 in Washington an der „Conference on Holocaust Era Assets“ teil. Auf maßgebliche Initiative der US- und Schweizer Delegationen wurden von den Teilnehmern am Ende der Konferenz am 03.12.1998 die sog. Washingtoner Prinzipien verabschiedet. Der in englischer Sprache verfasste Text führt in seiner Präambel allgemein aus, dass die Unterzeichnerstaaten „zur Lösung offener Fragen und Probleme im Zusammenhang mit den durch die Nationalsozialisten beschlagnahmten Kunstwerken“ beitragen wollen. Als Begriff wird das englische „Confiscation“ verwendet. In den nachfolgenden 11 Prinzipien wird gefordert, dass die Teilnehmerstaaten aktiv die Provenienzrecherche bezüglich betroffener Kunstwerke durchführen, identifizierte Kunstwerke in öffentlich zugänglichen Registern veröffentlichen, staatlicherseits aktiv die Ermittlung des früheren Eigentümers bzw. deren Erben betreiben und sich mit diesen zum Zwecke einer Einigung in Verbindung gesetzt wird und bei Klärung des Verfolgungsverlustes Beweiserleichterungen zum Nachweis des verfolgungsbedingten Verlustes zugunsten des früheren Eigentümers Anwendung finden sollen.

2. Ergänzende nationalstaatliche Regelungen und Erklärungen

Im Nachgang zu der Washingtoner Konferenz vom Dezember 1998 ist in einigen besonders betroffenen Staaten unverzüglich mit der Umsetzung und innerstaatlichen Regelung der Washingtoner Prinzipien begonnen worden.

  • Österreich erließ das Kunstrückgabegesetz vom 04.12.1998, das hinsichtlich seiner Schädigungstatbestände auf die Rückerstattungstatbestände des Nichtigkeitsgesetzes vom 15.05.1946 Bezug nimmt, in denen u.a. auch als verfolgungsbedingter Vermögensverlust der An- und Verkauf von Kunstwerken durch private Dritte erfasst ist.

  • In Frankreich finden unverändert die Restitutionsverordnungen vom November 1944 und Juni 1945 Anwendung. Danach sind Kaufverträge oder andere Eigentumserwerbe, die während der deutschen Besatzungszeit in Frankreich erfolgten, nichtig. Ein rechtswirksamer Eigentumserwerb wird gesetzlich ausgeschlossen. Die ursprüngliche Frist zur Geltendmachung von Ansprüchen, 31.12.1949, gilt nach aktueller französischer Rechtsprechung nicht, wenn der Antragsteller bisher tatsächlich nicht in der Lage gewesen ist, den verfolgungsbedingten Vermögensverlust und den aktuellen Besitzer festzustellen. Daneben hat die französische Regierung durch Erlass vom 10.09.1999 die Kommission CIVS gegründet, von der in verschiedenen Arbeitsgruppen NS-Vermögensverluste aller Art, auch von Kunstwerken während der Besatzungszeit, überprüft werden. Davon umfasst sind auch Vermögensverluste durch Rechtsgeschäfte zwischen Privaten.

  • Die Niederlande haben mit Erlass des Kulturstaatssekretärs vom 16.11.2001 eine Beratende Kommission gegründet, von der Rückgabeempfehlungen für Kunstwerke ausgesprochen werden, die sich im bundesstaatlichen Museumsbesitz befinden. Rückgabefähig sind auch Kunstwerke, die infolge von Rechtsgeschäften zwischen Privaten verfolgungsbedingt verlorengingen. So ist der gesamte Verkauf der im Privateigentum stehenden Sammlung Goudstikker an Hermann Göring als verfolgungsbedingt beurteilt und für die eindeutig als vormaliges Goudstikker-Eigentum ermittelten und im Bundesbesitz befindlichen Kunstwerke deren Rückgabe angeordnet worden.

  • Tschechien hat im Juni 2000 ein Restitutionsgesetz verabschiedet, aufgrund dessen die Rückgabe von Kunstgegenständen an die früheren Eigentümer zu erfolgen hat, die diese während der Besetzung der Tschechoslowakei, ab 29.09.1938 bis 08.05.1945, erlitten und die sich heute im staatlichen Besitz befinden. Das Restitutionsgesetz erfasst Vermögensverluste sowohl aufgrund staatlichen unmittelbaren Zwanges wie Beschlagnahmen, aber auch rechtsgeschäftliche Vermögensverluste von NS-Verfolgten.

  • Großbritannien hat im Februar 2000 unter Leitung des Kulturministeriums das „Spolition Advisery Panel“ gegründet, das über Rückgabeansprüche von Kunstwerken, die sich im staatlichen Sammlungsbesitz befinden, Empfehlungen erteilt. Die bisher veröffentlichten Berichte und ausführlich begründeten Rückgabeempfehlungen betreffen auch Sachverhalte, bei denen der Verlust von Kunstwerken durch Rechtsgeschäfte zwischen privaten Dritten und nicht ausschließlich durch Beschlagnahme staatlicher Stellen erfolgt ist.

  • Die Russische Föderation hat im Gesetz vom 15.04.1998, geänderte Fassung 25.05.2000, das Gesetz über die infolge des 2. Weltkrieges in die UdSSR verbrachten und sich auf dem Gebiet der Russischen Föderation befindenden Kulturgüter verabschiedet. Das im Westen als „Beutekunst-Gesetz“ diffamierend titulierte Gesetz sieht, vielfach unbeachtet, allerdings vor, dass früheres Eigentum rassisch, religiös oder nationalistisch Verfolgter und aktiver Widerstandskämpfer, das während der NS-Zeit diesen verfolgungsbedingt verloren gegangen ist, zurückzuübertragen. Auch die Russische Föderation erkennt grundsätzlich einen Rückgabeanspruch dieses vom NS-Regime verfolgten Personenkreises an.

  • USA und Kanada

Die amerikanische Museumsvereinigung, AAM, und die Vereinigung der amerikanischen Museumsdirektoren, AAMD, verpflichteten sich nach der Washingtoner Konferenz, NS-verfolgungsbedingte Vermögensverluste auf der Grundlage der mehrere hundert Seiten umfassenden „Guide to Provenance Research“ zu bearbeiten. In diesen Arbeitsrichtlinien sind auch die „Unlawful appropriated“ Vermögensverluste an Kunstgegenständen ausdrücklich genannt. Rückgabeentscheidungen amerikanischer Museen  die zu 70% nicht staatlich sind  betreffen auch Sachverhalte von Vermögensverlusten durch Rechtsgeschäfte zwischen Privaten.

Der kanadische Museumsverband und der Verband der Museumsdirektoren haben gleichlautend die amerikanischen Arbeitshinweise übernommen und wenden entsprechend diese US-amerikanische Praxis an.

Kein weiteres, bisher nicht ausdrücklich genanntes Land, von dem die Washingtoner Prinzipien verabschiedet wurden, hat sich bisher in enger Wortlautauslegung „Confiscation“ darauf beschränkt, ausschließlich Vermögensverluste rückgängig zu machen, die durch staatliches Handeln eingetreten sind. Vielmehr ist festzustellen, dass bisher keiner der Unterzeichnerstaaten diese enge Begrenzung des Anwendungsbereiches behauptet hat. Das Gegenteil ist der Fall: Sämtliche bisher mit einer Entscheidung auf der Grundlage der Washingtoner Prinzipien befassten Unterzeichnerstaaten haben NS-verfolgungsbedingte Vermögensverluste auch in der Fallgruppe des rechtsgeschäftlichen Eigentumsverlustes zwischen privaten Dritten anerkannt. Die vereinzelt in der Presse ohne jede Begründung aufgestellte Behauptung, die Washingtoner Prinzipien finden nur Anwendung auf staatliche Beschlagnahmen und nicht auf Eigentumsverluste durch Rechtsgeschäfte zwischen privaten Dritten, wird durch die einheitliche, weltweite Handhabung durch die Unterzeichnerstaaten, teilweise ausdrücklich konkretisiert in dort erlassenen Gesetzen, Dekreten, Verordnungen und Richtlinien, widerlegt.

3. Konkretisierung der Washingtoner Prinzipien im Stiftungsratsbeschluss vom 04.06.1999

Die Stiftung Preußischer Kulturbesitz  SPK  hat bereits in einem Stiftungsratsbeschluss vom 04.06.1999 beschlossen, dass Kunstwerke aus ehemaligem jüdischen Eigentum, die den Alteigentümern verfolgungsbedingt entzogen wurden und sich aktuell im Besitz der SPK befinden, grundsätzlich an den vormaligen Eigentümer bzw. deren Erben zurückzugeben. Die erste, auf der Grundlage dieses Stiftungsratsbeschlusses vorgenommene Rückgabe betraf eine Zeichnung von Vincent van Gogh, die der jüdische Alteigentümer Max Silberberg aufgrund seiner persönlichen Verfolgung durch das NS-Regime und dadurch eintretender wirtschaftlicher Schwierigkeiten gezwungen war, in einer Auktion 1935 zu verkaufen. Seitdem ist eine Vielzahl von Rückgabeentscheidungen in der Fallvariante des NS-verfolgungsbedingten Vermögensverlustes durch Verkauf zwischen privaten Dritten durch die SPK erfolgt.

4. Gemeinsame Erklärung vom 14.12.1999

In Ergänzung der ausschließlich von der deutschen Bundesregierung unterzeichneten Washingtoner Prinzipien haben in einer öffentlichen Erklärung vom 14.12.1999 die Bundesregierung, die Bundesländer und die kommunalen Spitzenverbände die Washingtoner Prinzipien konkretisiert und sich verpflichtet,

  • nach individueller Prüfung von Ansprüchen diese durch Rückgabe der Kunstwerke an die legitimierten Alteigentümer bzw. deren Erben zu regulieren (Rückgabegrundsatz)

  • soweit in der Vergangenheit Wiedergutmachungsleistungen für das zurückzugebende Kunstwerk erbracht worden sind, zur Vermeidung von Doppelentschädigungen die Rückgabe des Kunstwerkes von der Rückzahlung der seinerzeit geleisteten Entschädigung abhängig zu machen (Anrechnung der Gegenleistung)

Als Arbeitsanleitung zur Umsetzung der Washingtoner Prinzipien und der Gemeinsamen Erklärung vom 14.12.1999 veröffentlichte die Bundesregierung im Februar 2001 eine sog. Handreichung. Diese von der Bundesregierung, den Ländern, kommunalen Spitzenverbänden, Museen, dem deutschen Städte- und Gemeindebund ausgearbeiteten Arbeitsanweisungen empfehlen eine Prüfung des NS-verfolgungsbedingten Vermögensverlustes auf der Grundlage der Alliierten Rückerstattungsanordnung BK/O (49) 180 für Großberlin vom 26.07.1949.

5. Prüfung des Vermögensverlustes der „Berliner Straßenszene“ an der Alliierten Rückerstattungsanordnung vom 26.07.1949

a) Gesetzliche Vermutung der Verfolgung durch das NS-Regime

Gehörte eine Person zu einem Personenkreis, der in seiner Gesamtheit in Nazi-Deutschland vom kulturellen und wirtschaftlichen Leben ausgeschlossen werden sollte, insbesondere aus rassischen Gründen verfolgte Personen, handelt es sich um sog. Kollektivverfolgte. Darunter fallen insbesondere Juden. Hans Hess, ausweislich seiner Geburtsurkunde „mosaischen Glaubens“, war nach den Regelungen des NS-Regimes „Volljude“. Er gehört damit zum Kreis der kollektiv vom NS-Regime verfolgten Personen.

b) Gesetzliche Vermutung: verfolgungsbedingter Vermögensverlust

Vermögensverluste von Kollektivverfolgten, die im Deutschen Reich während der NS-Zeit (30.01.1933 bis 08.05.1945) stattfanden (hier mutmaßlich in Köln), sind grundsätzlich verfolgungsbedingt erfolgt. Erfasst wird jede Art von Vermögensverlusten. Neben unmittelbaren staatlichen Entzugsmaßnahmen wie Enteignung, Einziehung oder Beschlagnahme auch die Fallgruppen der Schenkung und des Verkaufs zwischen Privatpersonen oder der Versteigerung in Verkaufsauktionen.

c) Erleichterte Widerlegung des verfolgungsbedingten Vermögensverlustes

Bei Rechtsgeschäften, die vor Erlass der Nürnberger Rassegesetze (15.09.1935) erfolgten, kann vom aktuellen Besitzer der seinerzeitige Vermögensverlust widerlegt werden, wenn er beweist,

  • dass der Vermögensgegenstand damals zu einem angemessenen Kaufpreis veräußert wurde (damaliger aktueller Verkehrswert) und

  • der Verkäufer über diesen Kaufpreis frei verfügen konnte.

Kein einziges, zeitgenössisches Dokument belegt, wie hoch der von Hagemann gezahlte Kaufpreis war. Weder in dem Schriftverkehr, den seinerzeit Hagemann mit Kirchner, seinem privaten Kunstberater Gosebruch, anderen Kirchner-Käufern wie Budczies usw. führte, ist jemals der vereinbarte oder gar gezahlte Kaufpreis genannt worden. Die stets als Beweis für die Höhe des Kaufpreises genannte sog. „Hagemann-Liste“ vom 09.03.1947 nennt zur „Berliner Straßenszene“ lediglich „Wert 3.000“ ohne Angabe, um welche Währung (Reichsmark, Schweizer Franken?) es sich handelt und wann die Wertermittlung erfolgt ist. Die Liste wurde sieben Jahre nach dem Tode Hagemanns von seinen Erben zum Zwecke der Erbauseinandersetzung erstellt.

Somit fehlt es bereits an einer eindeutigen Feststellung der Höhe des vereinbarten seinerzeitigen Kaufpreises.

Desweiteren muss unzweifelhaft bewiesen werden, dass der vereinbarte Kaufpreis verkehrsüblich gewesen ist, also dem damaligen Marktwert entsprach.

Ohne jede nähere Erläuterung und Herleitung durch Vergleichsverkäufe o.ä. ist wiederholt in der Presse behauptet worden, der von Hagemann gezahlte Kaufpreis von 3.000 RM sei weit überdurchschnittlich gewesen. Für diese Behauptung sind keinerlei Beweise vorgelegt worden.

Andere Wertermittlungen zu Verkäufen vergleichbarer Kirchner-Gemälde, die insbesondere im Zeitraum vor 1914 entstanden waren, von Kunstexperten als die bedeutendste Schaffensperiode von Kirchner bezeichnet (so der Kunstberater Hagemanns, Gosebruch), konnten bisher für den entscheidungserheblichen Verkaufszeitraum Ende 1936/Anfang 1937 nicht ermittelt werden. Für vergleichbare Kirchner-Gemälden, die bis 1914 entstanden, sind wesentlich höhere Kaufpreise oder Versicherungswerte festgestellt worden.

- Die Straßenszene „Potsdamer Platz“ wurde von dem damaligen Besitzer Hermann Lange im Juli 1931 mit 15.000 RM Versicherungswert angegeben.

- Die Gemälde „Atelier“ und die „Tänzerinnen“ wurden jeweils zwischen 4.-5.000 RM von Kirchner selbst am 30.02.1926 bewertet mit dem Hinweis, es wäre unklug, die Bilder unter diesem Preis zu verkaufen, da sie aus einer besonderen Schaffensperiode stammten und beim späteren Verkauf höhere Preise erzielt werden könnten.

- Das Kirchner-Gemälde „Auf der Straße“ ist von der Nationalgalerie, Kronprinzenpalais, am 02.08.1933 mit 6.000 RM versichert worden.

- Sieben namentlich bezeichnete Kirchner-Gemälde aus dem Zeitraum 1912 bis 1915 waren im Dezember 1924 in einer Ankaufsliste der Galerie Fischer mit Versicherungswerten zwischen 8. und 18.000 RM angegeben.

Diese Vergleichszahlen zu Kirchner-Gemälden aus der Schaffensperiode vor 1914 sind Indizien, dass der behauptete, nicht nachgewiesene, Verkaufspreis für die „Berliner Straßenszene“ in Höhe von 3.000 RM weit unterhalb des Marktwertes für ein vergleichbares Ölgemälde Kirchners aus 1913/1914 lag.

d) Verschärfte Widerlegung des verfolgungsbedingten Vermögensverlustes

Bei Rechtsgeschäften, die ab 15.09.1935 im Deutschen Reich vorgenommen wurden, kann die gesetzliche Vermutung des verfolgungsbedingten Vermögensverlustes nur widerlegt werden durch den Beweis, dass

- ein verkehrsüblicher Kaufpreis vereinbart wurde,

- der Kaufpreis ungeschmälert dem Veräußerer zugeflossen ist,

- und das Rechtsgeschäft zu diesem Zeitpunkt seinm wesentlichen Inhalt nach auch ohne die Herrschaft des NS-Regimes stattgefunden hätte oder

- der Erwerber in besonderer Weise und mit wesentlichem Erfolg den Schutz der Vermögensinteressen des Verkäufers vorgenommen hat, z.B. durch Mitwirkung der Vermögensüberführung ins Ausland.

Der Verkauf fand mindestens 15 Monate nach dem verschärfenden Stichtag 15.09.1935, mutmaßlich in Köln, statt. Wie oben unter c) ausgeführt, konnte weder der Beweis über die Höhe des vereinbarten Kaufpreises, dementsprechend auch nicht über seinen verkehrsüblichen Preis, und schließlich auch nicht der ungeschmälerte Zufluss dieses Kaufpreises an Thekla Hess bewiesen werden.

Deshalb bedarf es vorliegend rechtlich noch nicht einmal des Nachweises, dass das Rechtsgeschäft auch ohne die NS-Herrschaft stattgefunden hätte. Will man aber die gesetzliche Vermutung des verfolgungsbedingten Vermögensverlustes widerlegen, muss der zweifelsfreie Beweis erbracht werden, dass Thekla Hess Ende 1936/Anfang 1937 in Köln, ausschließlich über den Kölner Kunstverein und/oder dessen Direktor Klug die „Berliner Straßenszene“ für behauptete 3.000 RM veräußert hätte.

Das Gegenteil kann aus den nur beispielhaft aufgeführten Überlegungen festgestellt werden:

- Ohne die NS-Herrschaft wäre Hans Hess noch in ungekündigter Stellung beim Ullstein Verlag mit einem mittlerweile überdurchschnittlichen Gehalt von mindestens 900 RM monatlich beschäftigt gewesen. Wirtschaftliche Gründe zum Verkauf einzelner Bilder für seinen Lebensunterhalt oder den seiner Mutter hätten nicht oder nicht zu diesem Zeitpunkt bestanden.

- Ohne die NS-Herrschaft hätte Hans Hess darüber hinaus auf die im Deutschen Reich befindlichen Vermögensgegenstände zum Zwecke der Verwertung Zugriff nehmen (Aktienvermögen und Grundbesitz) und diese veräußern können, ohne dass er aus wirtschaftlichen Gründen gezwungen gewesen wäre, gerade die „Berliner Straßenszene“ zum Jahreswechsel 1936/37 zu veräußern.

- Kirchner-Gemälde waren im Deutschen Reich bei Kirchner-Kennern und -Liebhabern, insbesondere den mit ausreichenden finanziellen Mitteln ausgestatteten Privatsammlern Lange, Henke, Jung, Budczies und auch dem Erwerber der „Berliner Straßenszene“ Hagemann begehrt. Durch Verkaufsaktivitäten des New Yorker Galeristen Valentin war Kirchner spätestens ab Frühjahr 1937 auch in den USA gefragt. Wenn Hans Hess oder in seinem Auftrag seine Mutter Thekla Hess dieses Bild -aus welchen Gründen auch immer- hätten veräußern wollen, hätten sie dies meistbietend, bspw. in einer öffentlichen Auktion im Deutschen Reich, im europäischen Ausland oder sogar in den USA verkaufen können und wären nicht darauf beschränkt gewesen, das Gemälde in Köln über den KKV oder dessen Direktor Klug zu veräußern.

- Bei unterstellter Kaufabsicht zur Jahreswende 1936/37 hätte Thekla Hess zunächst versucht, das Kunstwerk an ein bedeutendes Museum oder eine öffentliche Sammlung zu veräußern. So hat sie sich seit 1933 verhalten und versuchte zunächst immer, bei Verkäufen den Erwerb durch ein Museum zu erreichen.

e) Prozessuale Regularien

Prozessual ist Voraussetzung für den Gegenbeweis, d.h. der Widerlegung des verfolgungsbedingten Vermögensverlustes, der zweifelsfreie Nachweis, dass ein angemessener Kaufpreis vereinbart und vollständig, ungeschmälert an den Verkäufer, Thekla Hess, geflossen ist,

dazu BVerwG-Urteil vom 30.04.2003, 8 C 9.02 m.w.N. zu Beweistatsachen,

abgedr. in ZOV 2003, 266, 267.

Prozessrechtlich zulässig und auch bei Anwendung der alliierten Rückerstattungsbestimmungen im Rahmen des VermG vom BVerwG anerkannt ist, dass der verfolgungsbedingte Vermögensverlust widerlegt werden kann, wenn Indizien eindeutig und unzweifelhaft sich zu einem Vollbeweis verdichten,

so grundsätzlich BVerwG-Urteil vom 24.06.2004, 7 C 20.03, in VIZ 2004, 486, 488 re. Sp. unten,

Fundstellenangabe im Gutachten Huth S. 25, wo auf ZOV 2004, 262 verwiesen wird, ist untauglich, weil in der ZOV die Indiztatsachen nicht wiedergegeben werden. Das Urteil ist in der ZOV verkürzt wiedergegeben.

Im konkret vom Bundesverwaltungsgericht revisionsrechtlich überprüften Urteil des VG Dresden werden als ausreichende Indiztatsachen, die den Beweis des Zuflusses des Teilkaufpreises belegen sollen, die Löschung von zwei Hypotheken 1934 und 1936, genannt und eine Vermögenserklärung aus dem Jahre 1942, in der offene Kaufgeldforderungen nicht aufgeführt sind. Die Tatsache der Löschung von Hypotheken trägt nach Auffassung des Bundesverwaltungsgerichts den ersten Anschein, dass die zugrunde liegenden Forderungen auch beglichen worden sind. Insoweit ist ein Beweis durch Indizien anerkannt worden.

Keinerlei vergleichbare Indizien, die einen Vollbeweis ersetzen, sind vorliegend festzustellen. Im Gegenteil. Versicherungswerte für vergleichbare Kirchner-Gemälde liegen erheblich über dem behaupteten Kaufpreiszahlbetrag von 3.000 RM.

Der Beweis des „ungeschmälerten Zuflusses“ des verkehrsüblichen Kaufpreises setzt voraus, dass dieser nicht durch diskriminierende Abgaben reduziert und gemindert worden ist. Vorliegend sind keinerlei Tatsachen oder Tatsachen ersetzende Indizien ermittelt worden, die einen ungeschmälerten Zufluss des behaupteten Kaufpreises in Höhe von 3.000 RM an Thekla Hess belegen. Der ausgewertete Schriftverkehr belegt einen Verkauf durch den KKV oder dessen Direktor Klug. Sollte der Kaufpreis an den KKV und/oder dessen Direktor Klug gezahlt worden sein, würde dies allein noch keinen ungeschmälerten Kaufpreiszufluss beim Veräußerer, hier Thekla Hess, begründen.

6. Kein Rückgabeausschluss durch Entschädigungsvergleich von 1961

In dem Entschädigungsvergleich von 1961 sind pauschal mit dem damaligen gesetzlichen Höchstbetrag von 75.000 DM sämtliche Schäden des Hans Hess an Vermögen und Eigentum entschädigt worden. Eine konkrete, auf ein einzelnes Gemälde, insbesondere die „Berliner Straßenszene“, bezogene Entschädigung ist in dem Entschädigungsvergleich nicht fixiert worden. Ein ausdrücklicher Verzicht auf zukünftige, auch erst Jahrzehnte später durch Gesetzes- oder gesetzesgleiche Regelungen entstehende Ansprüche ist nicht ausdrücklich erklärt worden.

Die Gemeinsame Erklärung vom 14.12.1999 hat klargestellt, dass für in der Vergangenheit erfolgte Wiedergutmachungsleistungen, die für zurückzugebende Kunstwerke erbracht worden sind, eine Anrechnung der damaligen Gegenleistung bzw. Rückerstattung dieser Geldentschädigung zu leisten ist. Zunächst ist schon zweifelhaft, ob in dem Entschädigungsvergleich von 1961 überhaupt, weil nicht quantifizierbar, eine Entschädigungsleistung für die „Berliner Straßenszene“ zu sehen ist. Selbst wenn man dies in den Entschädigungsvergleich von 1961 hinein interpretiert, bedeutet die seinerzeitige Geldentschädigung  die sich hinsichtlich der „Berliner Straßenszene“ nur auf einen Bruchteil des damaligen Gesamtentschädigungsbetrages beziehen kann , dass nach der Gemeinsamen Erklärung der damalige Entschädigungsbetrag anzurechnen bzw. rückzuerstatten ist. Die Gemeinsame Erklärung schließt also eindeutig nicht die Rückgabe eines Kunstwerkes aus, weil im Rahmen eines Entschädigungsverfahrens nach dem Entschädigungsgesetz pauschal in Verlust geratene Vermögensgegenstände  ohne konkrete Einzelentschädigung- eine Geldentschädigung anteilig gezahlt wurde.

Vorliegend ist weder nach dem Bundesrückerstattungsgesetz für die „Berliner Straßenszene“ nach sachverständiger Ermittlung des damaligen Verkehrswertes ein Schadensersatz festgestellt und für die „Berliner Straßenszene“ gezahlt worden, noch eine pauschale Entschädigung in Geld für die „Berliner Straßenszene“ nach dem Entschädigungsgesetz erfolgt. Deshalb ist festzustellen, dass eine konkrete wertmäßig auf die „Berliner Straßenszene“ ermittelte Geldentschädigung weder nach dem Bundesrückerstattungs- noch dem Bundesentschädigungsgesetz jemals erfolgt ist.

Das Bundesverwaltungsgericht hat im übrigen zu dem „Konkurrenzverhältnis“ von Nachkriegsentschädigungsvergleichen und der Meinung, diese beinhalteten einen endgültigen Verzicht auf zukünftige Ansprüche rechtsgrundsätzlich Stellung bezogen. Das Bundesverwaltungsgericht meint, erst Jahrzehnte später erlassene Restitutionsbestimmungen (hier das Vermögensgesetz) hindern einen Geschädigten nicht, aktuell Rückgabeansprüche aufgrund neuer Anspruchsgrundlagen (dort Vermögensgesetz, hier Washingtoner Prinzipien/Gemeinsame Erklärung) geltend zu machen, wenn er Jahrzehnte vorher in einem Entschädigungsvergleich eine  aus seinerzeitiger Sicht  endgültige Regelung über eine Geldentschädigung für den Verlust des Vermögenswertes abgeschlossen hatte. Das Bundesverwaltungsgericht stellt klar, dass ein solcher, vor Jahrzehnten erfolgter Vergleich nicht beinhaltet, dass der Geschädigte auf alle bestehenden oder künftigen Ansprüche wegen des erlittenen Unrechts per se verzichtet hatte. Die erneute Geltendmachung von Rückgabeansprüchen  Jahrzehnte nach der seinerzeit gezahlten Geldentschädigung  stelle auch keinen Rechtsmissbrauch des Geschädigten dar,

BVerwG-Urteil vom 27.05.1997, 7 C 67.97, abgedr. in ZOV 1997, S. 351 ff.

Auch die Gemeinsame Erklärung vom 18.12.1999 lässt eine Anspruchsgeltendmachung des Geschädigten zu, selbst wenn er Jahrzehnte zurückliegend aufgrund von Wiedergutmachungsbestimmungen in einem Entschädigungsvergleich eine Geldentschädigung erhalten hatte. Die Gemeinsame Erklärung empfiehlt insoweit nur eine Anrechnung/Rückerstattung der seinerzeit gezahlten Entschädigung. Da für die „Berliner Straßenszene“ keine konkrete Entschädigungszahlung ermittelt werden konnte, war eine Rückerstattung, zumindest eines Bruchteils der 1961 gezahlten Entschädigung von 75.000 DM weder rechnerisch noch tatsächlich möglich.

7. Keine Notwendigkeit zur Rückzahlung des Kaufpreises von 1980

Ausweislich der Festlegungen der Gemeinsamen Erklärung vom 18.12.1999 und der dazu erlassenen sog. Handreichung vom Februar 2001 ist nach Feststellung des NS-verfolgungsbedingten Vermögensverlustes der Vermögenswert zurückzugeben. Die Rückgabe kann von der Rückzahlung der in der Vergangenheit vom Anspruchsberechtigten erhaltenen Entschädigung abhängig gemacht werden, um eine doppelte Wiedergutmachung zu vermeiden. Nach diesen Festlegungen hätte die Anspruchsberechtigte Anita Halpin höchstens den im Entschädigungsvergleich von 1961 gezahlten Betrag von 75.000 DM, davon den rechnerisch ermittelten Anteil, der sich auf die „Berliner Straßenszene“ bezog, rückerstatten müssen.

Stattdessen hat das Land Berlin die Erstattung des 1980 gezahlten Kaufpreises von 1,9 Mio. DM (rd. 1 Mio. Euro) von Frau Halpin verlangt, der offensichtlich auch gezahlt wurde. Der Kaufpreis von 1980 ist aber seinerzeit nicht an Frau Halpin gezahlt worden. Deshalb war dieser Kaufpreis von ihr auch nicht zurückzuerstatten an das Land Berlin. Die Tatsache, dass vom Land Berlin hier im Rahmen einer Vereinbarung mit Frau Halpin die Erstattung 1 entsprechende 980 gezahlten Kaufpreises vereinbart werden konnte, wäre nach den Grundsätzen der Gemeinsamen Erklärung vom 18.12.1999 und der Handreichung vom Februar 2001 nicht geboten gewesen. Den Gutachtern sind vergleichbare Sachverhalte in Deutschland, in denen der Rückgabeberechtigte früher vom Rückgabeverpflichteten gezahlte Kaufpreise erstattet, nicht bekannt. Es sollen jedoch im Rahmen von Verhandlungen über einen „fairen und gerechten Ausgleich“ auch in anderen noch nicht abgeschlossenen Verfahren entsprechende Überlegungen angestellt werden. Die tatsächliche Erstattung des 1980 vom Land Berlin gezahlten Kaufpreises durch Frau Halpin geht jedenfalls über das Regelungsgefüge vom 18.12.1999 und der Handreichung vom Februar 2001 zugunsten des Rückgabeverpflichteten, dem Land Berlin, hinaus. Denn durch die Erstattung des Kaufpreises von 1980 hat die Antragstellerin Frau Halpin den Vermögensschaden des Landes Berlin  seinerzeitige Kaufpreiszahlung  beseitigt.

8. Kapitel Ergebnis

I.

Zusammenfassung der Tatsachenfeststellungen

  • Hans Hess, Eigentümer der Kunstsammlung Alfred Hess, verkaufte bis zum 30.01.1933 keine Kunstwerke aus der Sammlung an Dritte. Nachweislich 2 Aquarelle sind an Familienmitglieder übertragen worden.

  • Es ist kein einziger Verkauf von Kunstwerken bis 30.01.1933 durch Alfred Hess (gestorben 24.12.1931) insbesondere aus wirtschaftlichen Gründen nachgewiesen.

  • Die M. u. L. Hess Schuhfabrik AG, eine der größten Firmen ihrer Branche im Deutschen Reich, war noch mindestens bis 30.09.1930 wirtschaftlich prosperierend. Bis zu diesem Zeitpunkt wurden die höchste Bilanzsumme der Unternehmensgeschichte und ein Reingewinn von rd. 400.000 RM erwirtschaftet.

  • In wirtschaftlichen Schwierigkeiten befand sich die M. u. L. Hess Schuhfabrik AG  erstmalig- ab Oktober 1930 und fortlaufend bis Ende 1932, was zu einer Kapitalherabsetzung führte.

  • Nach dem Tod von Alfred Hess am 24.12.1931 wurde sein Sohn Hans Hess Alleinerbe. Ein privater Nachlasskonkurs fand nicht statt. Eine Überschuldung des Nachlasses ist nicht konkret und verbindlich festgestellt worden.

  • Mit dem vorhandenen Aktivvermögen der bisherigen M. u. L. Hess Schuhfabrik wurde im November 1933 die Schuhfabrik Hess AG gegründet. Das übertragene Aktivvermögen betrug rd. 450.000 RM. In einem amtlichen Betriebsprüfungsbericht vom 28.11.1933 wird festgestellt, dass ausreichendes Eigenkapital vorhanden ist, um sämtliche Verbindlichkeiten zu begleichen.

  • Bereits ab dem ersten Geschäftsjahr der neu gegründeten Schuhfabrik Hess AG erwirtschaftet diese einen fünfstelligen Gewinn bei jährlich sich erhöhenden Umsätzen und Gewinnen.

  • Der Verkauf der Privatvilla Hess im September 1932 erfolgt an das Familienmitglied, Onkel von Alfred Hess, Georg Hess. Der Anspruch auf Übereignung des Grundstückes resultiert nicht aus infolge der Weltwirtschaftskrise entstandenen Verbindlichkeiten, sondern dem Kaufpreisanspruch für 500 Aktien an der M. u. L. Hess Schuhfabrik, die Alfred Hess 1927 von seinem Onkel Georg Hess übernommen hatte, weil dieser sich nach 40 Jahren Geschäftstätigkeit zur Ruhe setzte.

  • Es konnten keine Unterlagen aufgefunden werden, aus denen sich ergibt, dass Hans Hess ab Ende 1932 noch

- Privatverbindlichkeiten gegenüber Gläubigern des Alfred Hess

- Firmenverbindlichkeiten, für die er bzw. sein Vater die persönliche Haftung übernommen hatte, einstehen musste oder

- sonstige Verbindlichkeiten gegenüber dem Nachlassvermögen Alfred Hess geltend gemacht wurden.

  • Festzustellen ist, dass für die M. u. L. Hess Schuhfabrik AG wegen der ab 30.09.1930 -infolge der Weltwirtschaftskrise- eintretenden Schwierigkeiten einen Monat das gerichtlich angeordnete Vergleichsverfahren stattfand (13.04.1933 bis 19.05.1933). Zu keinem Zeitpunkt ist der Konkurs des Unternehmens angemeldet oder festgestellt worden. Die M. u. L. Hess Schuhfabrik war bei Einbringung ihres gesamten noch vorhandenen Aktivvermögens in die neu gegründete Schuhfabrik Hess AG im November 1933 nicht „pleite“, sondern besaß ein Aktivvermögen von rd. 450.000 RM.

  • Bereits um den 30.01.1933 wurde die Berliner Wohnung von Hans Hess durch die Nazis verwüstet und die Mitbewohnerin Elisabeth Hauptmann verhaftet.

  • Hans Hess wurde vom Ullstein Verlag aus rassischen Gründen der Arbeitsvertrag zu Ende Juni 1933 gekündigt.

- Daraufhin floh Hans Hess nach Paris, Ende 1936 nach London und musste sich seit seiner Emigration mit Gelegenheitsjobs ohne regelmäßiges, ausreichendes Einkommen durchschlagen.

  • Der künstlerisch wertvollste Teil der Sammlung Hess, insbesondere Gemälde und Aquarelle, gelangte für Ausstellungszwecke Mitte 1933 in die Schweiz.

  • Verkäufe von Kunstwerken erfolgten nur vereinzelt 1934 und 1935. Erst nach Rückführung eines erheblichen Teils der im Züricher Kunsthaus eingelagerten Sammlung Ende 1936 und im März 1937 zur Verwahrung an den Kölnischen Kunstverein -KKV- sind vermehrt Verkäufe durch den KKV und/oder dessen Direktor Klug belegt.

  • Versicherungswerte und Kaufpreisgebote für vergleichbare Meisterwerke von Kirchner-Gemälden aus der Schaffensperiode bis 1914 weisen Beträge zwischen 4.-5.000 RM, 6.000 RM bis zu 15.000 RM aus.

  • Der behauptete Kaufpreis 3.000 RM für die „Berliner Straßenszene“ ist in keinem zeitgenössischen Dokument enthalten. Die sog. Hagemann-Liste wurde erst 1947 erstellt und nennt keinen Kaufpreis, sondern „Wert 3.000“, ohne Währungsangabe.

  • In keinem Dokument ist belegt, ob und in welcher Höhe Hagemann einen Kaufpreis für die „Berliner Straßenszene“ gezahlt hat. Indirekt lässt sich aus dem seinerzeitigen Schriftverkehr ableiten, dass Hagemann zur Jahreswende 1936/37 in Köln die „Berliner Straßenszene“ vom KKV und/oder dessen Direktor Klug erworben hatte und sich seit Februar 1937 im Besitz des Gemäldes befand.

  • Unmittelbar nach der gelungenen Flucht von Thekla Hess Anfang April 1939 nach London, zu einem Zeitpunkt als sie erstmalig vor Nachstellungen durch deutsche Behörden in Sicherheit ist, bedankt sie sich bei dem Züricher Kunsthausdirektor für die Hilfe bei der Rettung eines Teils der Sammlung und beklagt, dass die im Deutschen Reich verbliebenen Kunstwerke endgültig verloren seien.

II.

Rechtliches Ergebnis

  • Hans und Thekla Hess gehörten als deutsche Juden zu der kollektiv vom NS-Regime seit 30.01.1933 verfolgten Personengruppe.

  • Hans Hess wurde schon Anfang und spätestens im Juni 1933 aus rassischen Gründen persönlich verfolgt und bei Ullstein entlassen.

  • Der Verkauf der „Berliner Straßenszene“ erfolgte nicht wegen der vor dem 30.01.1933 eingetretenen wirtschaftlichen Schwierigkeiten. Diese waren Mitte 1933 endgültig beseitigt.

  • Der Verkauf erfolgte, weil Hans Hess durch die Verfolgungsmaßnahmen des NS-Regimes bereits im Juni 1933 seine Arbeit bei Ullstein verlor und mittellos nach Frankreich flüchten musste und sich dadurch in wirtschaftlichen Schwierigkeiten befand.

  • Die in den Alliierten Rückerstattungsbestimmungen niedergelegte gesetzliche Vermutung des verfolgungsbedingten Vermögensverlustes kann vorliegend schon allein anhand der wirtschaftlichen und persönlichen Gesamtsituation von Hans und Thekla Hess bewiesen werden.

  • Die in den Alliierten Rückerstattungsbestimmungen geregelten Voraussetzungen für einen Gegenbeweis bzw. Widerlegung der Verfolgungsvermutung sind durch das Land Berlin in allen Punkten nicht nachgewiesen worden. Es wurde kein Beweis erbracht,

    • dass ein marktüblicher Kaufpreis vereinbart wurde,

    • dass ein marktüblicher Kaufpreis ungeschmälert an Thekla Hess übergeben wurde und

    • dass der Verkauf der „Berliner Straßenszene“ zur Jahreswende 1936/37 von Thekla Hess auch ohne die NS-Herrschaft zu diesem Zeitpunkt, an diesem Ort, zu diesen Bedingungen abgeschlossen worden wäre.

  • Hans Hess hat nach dem Kriege niemals konkret eine Entschädigung für den Verlust der „Berliner Straßenszene“ oder irgendeines anderen Kunstwerkes aus der Sammlung Hess erhalten. Ihm wurde  ohne jegliche Konkretisierung bezüglich einzelner Vermögensgegenstände  die gesetzlich vorgesehene Pauschalentschädigung von 75.000 DM für alle an seinem Vermögen und Eigentum erlittenen Verluste gewährt.

  • Hans Hess hat in keiner Erklärung, auch nicht im Entschädigungsvergleich von 1961, ausdrücklich auf die endgültige Rückgabemöglichkeit von Kunstwerken verzichtet.

  • Die Gemeinsame Erklärung vom 18.12.1999 und die Handreichung vom Februar 2001 stellen eindeutig klar, dass, soweit eine Entschädigung für ein Kunstwerk in der Vergangenheit geleistet wurde, das jetzt zurückzugeben ist, die Rückgabe nicht geschlossen ist.

  • Der Berliner Senat hat in Anwendung der Gemeinsamen Erklärung vom 18.12.1999 und der Handreichung vom Februar 2001 unter Berücksichtigung der festgestellten Tatsachen ausschließlich die Feststellung treffen können, dass ein NS-verfolgungsbedingter Vermögensverlust zur Jahreswende 1936/37 im Deutschen Reich stattfand. Da keine einzige der drei kumulativ erforderlichen Widerlegungsvoraussetzungen nachgewiesen werden konnte, musste es bei der Feststellung des NS-verfolgungsbedingten Vermögensverlustes verbleiben.

  • Die vom Berliner Senat geforderte und durchgesetzte Zahlung des 1980 aufgewendeten Kaufpreises von rd. 1 Mio. € durch die Rückgabeberechtigte Anita Halpin hätte nach den ausdrücklichen Festlegungen in der Gemeinsamen Erklärung von 18.12.1999 und der Handreichung vom Februar 2001 noch nicht einmal verlangt werden können. Die Vereinbarung dieses Schadensausgleiches durch die Rückgabeberechtigte Anita Halpin ist eine außergewöhnliche, bisher nur im Einzelfall praktizierte Regelung zugunsten des herausgabepflichtigen Landes Berlin.